Merkwürdige Parallelen

BERLIN. Hochwasser und Kriegsdrohungen – die Parallelen zum letzten Bundestagswahlkampf sind merkwürdig. Nun wurde Kanzler Schröder für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Als gestern Morgen um viertel vor zehn im Hannoveraner Privathaus des Bundeskanzlers das Telefon klingelte, war Gerhard Schröder guter Laune. Am Abend zuvor hatte er in Magdeburg einen Wahlkampfauftritt absolviert, der "sehr erfreulich" verlief. Die neue Nachricht, die ihm Regierungssprecher Bela Anda nun vortrug, erhellte seine Stimmung noch mehr: Die Deutsche Presse-Agentur habe soeben gemeldet, er (Schröder) sei für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden.Rund 25 Tage vor der Bundestagswahl (so das Bundesverfassungsgericht zustimmt) ist das eine Nachricht, die natürlich für Furore sorgt - und die Opposition verdrießlich stimmt. Während FDP-Außenpolitiker Wolfgang Gerhardt flugs von einem "reinen Wahlkampf-Manöver" sprach, herrschte bei der Union erst einmal Funkstille. Die PDS-Abgeordnete Petra Pau äußerte Kritik darüber, dass der vielleicht renommierteste Preis der Welt mit diesem Vorschlag "entweiht" würde. Zu keiner Zeit seien so viele Auslandseinsätze der Bundeswehr beschlossen worden wie unter der Regierung Schröder.

Dessen Sprecher Anda hatte danach alle Hände voll zu tun, die roten SPD-Hände in Unschuld zu waschen. Die Partei habe mit der Nominierung nichts zu tun, und er selbst kenne den Vorgang auch nur aus der Presse. Anda wusste dafür zu berichten, dass Genossen-Freund und Nobelpreisträger Günter Grass eben diesen Schröder-Vorschlag als erster in die Welt gesetzt hatte. Bei der Einweihung einer Skulptur vor dem Kanzleramt hatte Grass betont, "eigentlich" hätte Schröder den Friedensnobelpreis verdient, weil er vor drei Jahren vehement gegen den Irak-Krieg gekämpft habe. Und gerade so, als wiederhole sich die spektakuläre Szenerie vom Wahlkampf 2002, als die abgesackte SPD durch die fixe Reaktion des Kanzlers auf das Hochwasser in Ostdeutschland wieder Oberwasser bekam, stieg just zum Wahlkampf 2005 wiederum das Wasser. Anders als vor drei Jahren reagierte der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber aber diesmal richtig: Schneller als jeder andere sagte er Wahlkampftermine ab und besuchte betroffene Orte bei Garmisch-Partenkirchen. Als Kanzlerkandidat hatte Stoiber beim Jahrhundert-Hochwasser 2002 so lange gezögert, seinen Urlaub zu unterbrechen, bis der politische Schaden nicht mehr reparabel war. Schröder hingegen hatte sich durch schnelles Eingreifen als Krisenmanager profilieren können. Nun kommt Schröder später: Er will sich am Donnerstag bei einem schon länger geplanten Termin in Bayern auch ein Bild über die Hochwasserlage verschaffen.

Diesmal sind die Vorzeichen anders - und erinnern dennoch in frappierender Weise an den letzten Wahlkampf. Als US-Präsident George Bush nun gegen den Iran und sein Atomprogramm mit dem Säbel rasselte, reagierte Schröder, wie 2002 in Sachen Irak, spontan. Er könne ausschließen, dass sich die Bundesregierung "unter meiner Führung" an einer militärischen Option beteiligen werde.

Auf jeden Fall kommt die Nobelpreis-Nummer den Genossen, deren Wahlkampf ohne Reizthema schlapp vor sich hin plätschert, wie gerufen. "Der Status als Nobelpreiskandidat", so ein Kanzler-Intimus, "kann dem Wahlkampf gewiss nicht schaden".

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