Ministerin Mutig

Es ist mehr als ungewöhnlich, dass eine Spitzenpolitikerin oder ein Spitzenpolitiker eine Pressekonferenz in eigener Sache gibt. Kommt es dennoch dazu, ist Herr Minister oder Frau Staatssekretärin aufgrund einer Affäre ziemlich in der Bredouille oder reif für den Rücktritt.

Bei der rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerin Malu Dreyer war dies gestern anders. Die Trierer Sozialdemokratin trat vor die Presse und berichtete freimütig von einer schweren Erkrankung, an der sie schon seit 15 Jahren leidet und deren körperliche Auswirkungen mittlerweile nicht mehr zu übersehen sind: Multiple Sklerose (MS). Dass die Ehefrau des zukünftigen Trie-rer Oberbürgermeisters Klaus Jensen diese höchst private Angelegenheit öffentlich gemacht hat, war ein mutiger Schritt. Niemand hat die Mainzer Ministerin zu diesem gesundheitlichen "Outing" gezwungen, auch wenn das Brodeln in der Gerüchteküche in den kommenden Monaten wohl nicht weniger geworden wäre. Noch mehr Respekt aber ringt einem die Ankündigung Dreyers ab, sie werde ihre politischen Ämter und Mandate trotz dieser entzündlichen Erkrankung des Nervensystems behalten. Aus welchem Grund sollte die 45-Jährige sie zum jetzigen Zeitpunkt auch abgeben? Malu Dreyer mag durch Multiple Sklerose körperlich eingeschränkt, womöglich eines Tages sogar auf Gehhilfen oder Rollstuhl angewiesen sein - aber mit einer solchen oder anderen Beeinträchtigungen leben und arbeiten in Rheinland-Pfalz zigtausende andere auch. Politiker, die sich dazu bekennen, an einem Gebrechen zu leiden, ohne daran zu zerbrechen, sind nicht zuletzt Vorbilder für jene, die den Kopf angesichts einer Diagnose wie MS womöglich vorschnell in den Sand stecken. Malu Dreyers öffentliches Eingeständnis war mutig und wird vielen Mut machen. r.seydewitz@volksfreund.de