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Mit dem Kanzler kommt die Sintflut

Mit dem Kanzler kommt die Sintflut

SUNDERN. Bundeskanzler Schröder auf Wahlkampf-Tour in Nordrhein-Westfalen. Es geht mehr als um die Kommunalwahl am 26. September. Es geht um die Mehrheit im Land und um seine Zukunft.

Jetzt trotzen sie auch noch den Naturgewalten. Nach den Zerreißproben in der SPD, den Redeschlachten im Bundestag und den Protesten auf der Straße gegen die Agenda 2010 müssen die Genossen am Samstag im Sauerland den Unbilden des Wetters standhalten. Ausgerechnet am Tag, da Bundeskanzler Gerhard Schröder die Heimat seines Freundes Franz Müntefering besucht, "um zu sehen, wo der Franz seine Kraft hernimmt", gießt es in Strömen. Die Sintflut von Sundern und Umgebung tut der Stimmung der Spitzengenossen aus Berlin aber keinen Abbruch, im Gegenteil: Sie scherzen und lachen und werden nur ernst, wenn die Sprache auf Hartz IV kommt. Müntefering hat den Kanzler eingeladen, die Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen stehen vor der Tür. Der Wahlgang ist enorm wichtig, eine Art Vorentscheidung für die Landtagswahl im Mai nächsten Jahres, wenn die Wähler im größten Bundesland der SPD den Rest geben können.Sie kämpfen um jede Stimme

Ginge auch NRW verloren, "die Herzkammer der SPD", wäre nicht nur die früher hoch gelobte Generation der Brandt-"Enkel" auf der ganzen Linie gescheitert. Dann wäre die Republik schwarz von oben bis unten, und dann würde wegen der Mehrheiten im Bundesrat nicht mal ein rot-grüner Sieg bei der Bundestagswahl 2006 noch Sinn machen. Deshalb kämpfen sie diesmal wirklich um jede Stimme, auch in dieser dünn besiedelten Gegend. Als Müntefering am Samstagmittag auf dem Marktplatz in Arnsberg eintrifft, sind die Genossen unter sich. Der unverdrossene Bürgermeisterkandidat Franz-Josef Schröder zeigt dem Parteivorsitzenden sein Wahlkampf-Vehikel (passend zur Größe der SPD ein Smart), hält eine Rede, es fängt an zu regnen, dann spricht Müntefering, es fängt an zu schütten, und die Leute suchen Schutz unter Infoständen und Würstchenbuden. Müntefering spricht von "schweren Zeiten", in denen man "Flagge zeigen" muss, schimpft ein bisschen über die "Heuchler von der Union", kapituliert dann doch vor den Wassermassen und zieht mit seinem Tross weiter. In Sundern stößt aus Hannover kommend der Kanzler hinzu. Vor der Schützenhalle Linnepe sind die Einheimischen mit bunten Schirmen bewaffnet und gucken Prominenz. Der Regen ist hier nicht so schlimm, denn die Veranstaltung findet im Saal der "Schützenbruderschaft Hl. Drei Könige" statt, wo sich 300 Leute auf das Ereignis des Jahres freuen. Neben der Bühne ist an der Wand ein gekrönter Adler angebracht, unter dem in großen Buchstaben auf plattdeutsch "Gott help" steht. Ein gefundenes Fressen für die Fotografen, die Schröder und Müntefering so in den Fokus nehmen, dass neben ihnen "Gott help" steht.Keiner mosert, keiner meckert

Schröder winkt, er ist gut drauf, es macht ihm Spaß in Sundern, wo der Franz groß geworden ist und 52 Jahre lang gewohnt hat. Müntefering ist erst recht guter Dinge, er kennt viele der Gesichter, aus denen der Stolz blickt, dass einer von ihnen so was Dolles geworden ist. Die Leute klatschen, vor allem bei ihrem "Münte", und viele sagen nachher tapfer, das mit Hartz IV sei zwar nicht schön, aber notwendig, da dürfe man sich nichts vormachen. Der Kanzler spürt die gute Stimmung, und das heizt ihn weiter an. Hier in der Schützenhalle, wo Müntefering vor rund 40 Jahren im kohlrabenschwarzen Sauerland den SPD-Ortsverein "Altes Testament" gründete (nach der Gegend, die hier so heißt), fühlt er sich wohl. Das Original Willi Vogt hat ihn eingeladen, im schönen Sauerland doch mal Urlaub zu machen, "mit Familie", er darf zwei neue Parteibücher verteilen und Jubilare ehren. Niemand mosert, als er sagt, Hartz IV müsse sein. Die Sauerländer nicken und applaudieren, als der Kanzler die Union noch "schäbig und unanständig" nennt, weil sie sich nicht zu Hartz IV bekenne. Auch bei der dritten Veranstaltung nachmittags am Sorpesee gießt es aus Kübeln. Der Kanzler darf noch eine Bratwurst essen und ein Fass Bier anstechen, während der Musikverein Hövel "Tochter Sion" (!) intoniert, dann hat Petrus mit seiner Sturzflut auch hier gewonnen. Müntefering ist trotzdem zufrieden: Der Kanzler war hier, es gibt schöne Bilder in der Lokalpresse und die Roten haben den Schwarzen mal wieder gezeigt, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.