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Interview Simone Peter
„Mit Kohle kommen wir nicht weiter“

Simone Peter.
Simone Peter. FOTO: Silas Stein / dpa
Berli. Die Ex-Grünen-Chefin wirbt für erneuerbare Energien und fordert eine CO2-Steuer Von Werner Kolhoff

n Die erneuerbaren Energien sind das Lebensthema von Simone Peter, die Umweltministerin im Saarland und dann Bundessprecherin der Grünen war. Wie gut, dass gerade die (ehrenamtliche) Leitung des Bundesverbandes Erneuerbare Energien frei wurde, als Peter den Grünen-Vorsitz Anfang des Jahres abgeben musste. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff sprach mit der 52-jährigen „Präsidentin der Erneuerbaren“ über die Energiepolitik der großen Koalition.

65 Prozent erneuerbare Energien bis 2030 sind das Ziel der großen Koalition. Damit müssten Sie sehr zufrieden sein.

SIMONE PETER Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber die Erneuerbaren können mehr. Und dass die Koalition das Klimaziel für 2020 praktisch aufgibt, ist ein Fehler. Ebenso, dass der Kohleausstieg in eine Kommission verschoben wird; wir Grünen hatten in den Jamaika-Sondierungen mit der Union schon einen Ausstieg im Umfang von sieben Gigawatt verabredet.

65 Prozent bedeuten fast eine Verdopplung des Ökostroms in nur zwölf Jahren. Kann die Branche das überhaupt schaffen?

PETER Deutschland liegt jetzt bei gut 36 Prozent Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung. Die bisherige Entwicklung bei den Technologien und Kosten zeigt, dass wir das und sogar mehr schaffen können. Und auch im Verkehrs- und Gebäudesektor müssen wir vorankommen, wenn sie ebenfalls zum Klimaschutz beitragen sollen.

Es stehen jetzt schon 30 000 Windräder in der Landschaft herum. Das wollen Sie noch verdoppeln?

PETER Zum einen kann man durch Repowering alte Anlagen durch neue, leistungsfähigere Anlagen ersetzen. Zum anderen müssen wir uns als Gesellschaft schon die Frage stellen, was uns das Klima und der Schutz der Arten wert sind und ob wir Veränderungen im Landschaftsbild hinnehmen. Mit Kohleverbrennung und Atomenergie kommen wir nicht durch die Zukunft.

Dazu kommen dann auch noch die zusätzlichen Stromautobahnen, die bei einem solchen Ausbau notwendig werden.

PETER Sicherlich benötigen wir neue Leitungen, aber auch Möglichkeiten, den Strom dezentral zu verteilen und zu speichern. Es gibt da viele Projekte, zum Beispiel die Umwandlung von überschüssigem Windstrom in Wasserstoff oder Methan und dessen Einspeisung in die Gasnetze. Oder neue Batterietechniken und Netzoptimierungen. Das Innovationstempo ist enorm.

Würden Sie trotzdem einräumen, dass die Erneuerbaren auf ein wachsendes Akzeptanzproblem stoßen?

PETER Ich will das nicht kleinreden. Es gibt einige Konflikte, sei es um das Landschaftsbild oder um den Naturschutz. Hierum müssen wir uns kümmern. Zudem ist die Akzeptanz in der Regel größer, wenn es kommunale oder genossenschaftliche Projekte in Bürgerhand sind.

Gerade durch das neue Ausschreibungssystem kommen aber immer weniger Bürgerprojekte zum Zug; es wird immer mehr eine große Industrie, oder nicht?

PETER Tatsächlich ist der Anteil der Bürgerenergie in den vergangenen Jahren gesunken, aber mit 42 Prozent insgesamt immer noch hoch. Ich werbe sehr dafür, dass wir einen hohen Bürgerenergieanteil erhalten. Dazu gehört, dass auch kleine Projekte realisiert werden können.

Besondere Widerstände gegen den Ausbau der Windenergie gibt es im Süden des Landes. Wie gehen Sie damit um?

PETER Es wiegt schwer, wenn eine Landesregierung wie in Bayern Abstandsregelungen einführt, die die Windkraft praktisch unmöglich machen. Das erhöht die Notwendigkeit, Strom von Norden nach Süden zu leiten, aber dann stellt man sich dort auch noch gegen Stromleitungen. Auch Bayern muss helfen, die beschlossene Energiewende umzusetzen. Wenn die CSU einen Koalitionsvertrag mit dem 65-Prozent-Ziel für die Erneuerbaren unterschreibt, dann muss sie das auch bei sich zu Hause realisieren.

Der Koalitionsvertrag spricht sich für ein CO2-Bepreisungssystem aus, schränkt aber ein, dass es die G-20-Staaten umfassen müsste. Ist das der richtige Weg?

PETER Grundsätzlich ist es richtig, den CO2-Ausstoß mit einem Preis zu versehen. Das würde für eine CO2-Minderung auch im Wärme- und Verkehrssektor sorgen. An anderer Stelle könnten die Bürgerinnen und Bürger entlastet werden, zum Beispiel bei der Stromsteuer. Das, was im Koalitionsvertrag steht, ist dafür aber zu mutlos. Präsident Macron hat sich auch für eine CO2-Steuer ausgesprochen. Deutschland könnte also mit Frankreich und einigen anderen Ländern vorangehen und müsste nicht auf die G20 warten. In diesem Kontext müsste Deutschland aber die Abschaltung von Schrottreaktoren wie Cattenom und Tihange verlangen.