"Mittelfristige Annäherung realistisch"

"Mittelfristige Annäherung realistisch"

BERLIN. Wirtschaftlich gesehen spricht nichts gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei, jedenfalls nicht im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedern. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin in einer Analyse festgestellt.

Die Türkei steht ökonomisch gesehen "ähnlich günstig" da wie Rumänien und Bulgarien, die zu Jahresbeginn der EU beigetreten sind: Das ist das Ergebnis eines Vergleichs der wichtigsten Wirtschaftsdaten, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jetzt veröffentlicht hat und der dieser Zeitung vorliegt. Demnach war das Wachstum in der Türkei im Durchschnitt der letzten zehn Jahre höher als das der beiden südosteuropäischen Staaten. 2003 und 2004 hatte die Türkei sogar Wachstumsrekorde von 8,9 und 7,3 Prozent erreicht. Inzwischen haben sich die Werte angeglichen. Für 2007 sind in der Türkei ebenso wie in Rumänien 6,5 Prozent vorhergesagt, in Bulgarien sind es 5,9 Prozent. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Türken liegt mit 2500 Euro im Jahr weit über dem der beiden Vergleichsländer, die auf 1800 Euro kommen. Die Arbeitslosenquote, die Ankara meldet, liegt mit rund zehn Prozent nur um zwei Prozentpunkte über der der beiden Neumitglieder und ist vergleichbar mit der bundesdeutschen. Auch bei der staatlichen Gesamtverschuldung von derzeit 69,3 Prozent des Bruttosozialprodukts müssen sich die Türken vor den Deutschen nicht schämen. Das Maastricht-Kriterium der Neuverschuldung hat die Türkei im letzten Jahr ähnlich wie Bulgarien mit 3,6 Prozent allerdings knapp verfehlt, während Deutschland erstmals unter drei Prozent blieb. Wirtschaftspolitische Reformen zeigen Wirkung

"Zumindest aus ökonomischer Sicht scheint damit die mittelfristig angestrebte Annäherung an die EU nicht unrealistisch", schreiben die DIW-Forscher zusammenfassend. Seit Beginn des Jahrtausends habe die Türkei einen erfolgreichen wirtschaftspolitischen Reformprozess durchlaufen. Vor allem die Einrichtung einer unabhängigen Zentralbank habe das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Anstrengungen gestärkt, schreiben die Experten. Allerdings nehme derzeit die Bedeutung der Türkei für internationale Investoren ab, weil diese sich auf die ost- und mitteleuropäischen Länder konzentrierten, die bereits neu in die EU gekommen seien.