Moseltourismus in der Kritik: „Spießig, altbacken, anspruchslos“

Moseltourismus in der Kritik: „Spießig, altbacken, anspruchslos“

Seit ein bekannter Reisejournalist provokant kritisch über die Mosel geschrieben hat, diskutiert die Region über ihre Tourismusqualität. Ein zentrales Problem ist: Viele Betriebe investieren nicht, weil unklar ist, ob es sie in fünf Jahren noch gibt.

"Ich glaube wirklich, dass die Mosel ein Problem hat", sagt der Journalist Jakob Strobel y Serra. Kein anderer Text habe in seiner mehr als 20-jährigen Berufserfahrung so heftige Reaktionen hervorgerufen, wie eine Reisereportage über die Mosel, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. Zwar rühmt er darin die landschaftliche Schönheit der Region. Ja, er ist sogar überzeugt, dass sie ein Weltstar unter den Weinbaugebieten sein könnte. Doch ist seine Kritik an der touristischen Infrastruktur schonungslos: Cochem mit seinen "Schnitzelparadiesen, Bierkaschemmen und Schlagermusikhöllen" sei eine Art Mosel-Ballermann. Bernkastel-Kues sei altbacken spießig.

Das Moselufer ein einziger Campingplatz, die Gastronomie phantasielos. Dass er die Einheimischen als "Moselochsen" bezeichnet, hat bei so manchem das Fass zum Überlaufen gebracht. Zahlreiche Politiker haben Protestbriefe verfasst. Darunter auch Gregor Eibes (CDU), Landrat des Kreises Bernkastel-Wittlich, der nun eine Entschuldigung fordert. Bekommen wird er sie von Strobel y Serra nicht. "Ich habe eine Wahrheit angesprochen, die viele nicht sehen wollen", sagt er.

"Wir sind uns bewusst, dass wir Schwachstellen haben", sagt Sabine Winkhaus-Robert, Chefin der Mosellandtouristik. Allerdings werde daran auch gearbeitet. Es gebe Qualifizierungsprogramme und viele Gastgeber, die auf Qualität setzen.

Als großes Problem beschreibt Gereon Haumann, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes, dass viele Betriebe an der Mosel, aber auch in Eifel und Hunsrück nur wenig investieren. Zurückzuführen sei dies unter anderem darauf, dass altersbedingt für 60 Prozent von ihnen in den kommenden fünf Jahren die Unternehmensnachfolge geregelt werden müsse. Und nur bei einem Drittel bestehe überhaupt die Chance, dass das Unternehmen in Familienbesitz bleibt. Das lädt nicht zu Investitionen ein. Dennoch ist der Weg für Haumann klar. "Wir haben hier weder Meeresrauschen noch Alpenglühen. Wir müssen mit Qualität überzeugen". Meinung

Nicht alle Moseltouristen wollen Luxus

Der Journalist Jakob Strobel y Serra hat einen ungewöhnlichen Reisebericht über die Mosel geschrieben. Er preist ihre Schönheit wie ein Minnesänger, der seiner Geliebten zu ewigem Ruhm verhelfen möchte. Und er analysiert ihre Schwächen, mit Worten so hart und so scharf wie ein Henkersschwert, das sein Opfer mit nur einem Streich töten kann. Er konzentriert sich auf die Extreme. Und provoziert so eine ganze Urlaubsregion.

Niemand würde bestreiten, dass die Mosel schön ist. Und versucht man, den Schmerz, den die verbalen Schwerthiebe auslösen, beiseitezuschieben, so muss man dem Mann auch bei seiner Kritik in vielem Recht geben.

Wer sich zum Beispiel als Ortsunkundiger in Cochem auf die Suche nach einem leckeren moseltypischen Essen macht, muss sich durch einen Schilderwald kämpfen, mit Hilfe dessen sich die Gastronomen eine Schlacht um das billigste Schnitzel liefern. Draußen stehen winkende Ober. Drinnen laufen Schlager. Und den Leckerbissen gibt es wahrscheinlich irgendwo anders. Die Souvenirläden sind an der Mosel genauso voll Kitsch wie überall sonst. Schilder, die für Gästezimmer mit Dusche und WC werben, hängen tatsächlich allerorts. So manches Hotel hätte dringend eine Generalsanierung nötig, so manches Restaurant mehr regionalen Pfiff, so manches Schaufenster mehr Moderne. Aber ist es gerechtfertigt, den Moseltourismus deshalb so niederzuschreiben?

Was der Autor ausblendet, ist alles, was zwischen den Extremen liegt. Zwischen Billigschnitzel und Gänsekeulen-Confit. Zwischen Eiche rustikal und Designhotel. Zwischen Kitsch made in China und dem neuesten Schrei. Er blendet die Mitte aus. Und er vergisst, dass sein eigener Anspruch nicht das Maß der Dinge ist.

Ein Niederländer, Belgier oder Rheinländer, der abends vor seinem Wohnwagen mit Blick auf die Moselberge ein Bier genießt, ist an der Mosel genauso willkommen wie ein asiatischer Weinliebhaber, der den weiten Weg nur wegen der Reben zurückgelegt hat. Ältere Ehepaare mit kleiner Rente sollen ihren Urlaub hier genauso genießen können wie reiche Amerikaner, die sich in Luxushotels verwöhnen lassen.

Es spricht überhaupt nichts gegen das Ziel, die Mosel zum Weltstar unter den Weinbaugebieten zu machen - solange sie weiterhin allen etwas zu bieten hat, die ihre Schönheit genießen wollen.

Bis dahin sollte man die Chance nutzen, die sich eröffnet hat, nun, da alle so schön wachgerüttelt sind und tun, was dringend getan werden muss, um das Image des verstaubten, gestrigen Reiseziels loszuwerden.

k.hammermann@volksfreund.de

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