Motiv spricht gegen den Angeklagten

Motiv spricht gegen den Angeklagten

Beweise gibt es keine, aber viele glaubwürdige Zeugen - und ein Motiv: Das Trierer Landgericht hält es für nachgewiesen, dass ein 55-Jähriger den Rentner Walter Klein aus der Eifel ermordet hat. Trotzdem ist das Urteil überraschend.

Trier. Man muss die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz bewundern. Während sie eine Stunde lang sehr detailliert das von zahlreichen Zuschauern im Gerichtssaal mit Spannung erwartete Urteil gegen Hans S. verkündet, unterhält sich dieser zum Teil sehr laut mit seiner als Beistand neben ihm auf der Anklagebank sitzenden Frau - über seinen zwischen ihnen sitzenden Verteidiger Paul Greinert hinweg. Wie schon während der 14 vorangegangenen Prozesstage demonstriert der 55-Jährige, dem der psychologische Gutachter autistische Züge bescheinigt, damit Desinteresse.

Doch die Richterin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, würdigt Hans S. während ihrer Urteilsbegründung aber kaum eines Blickes. Das Urteil ist durchaus eine Überraschung. Kurz vor Beginn des letzten Tages in dem seit Oktober laufenden Prozess haben viele Beobachter damit gerechnet, dass das Gericht S. zwar wegen Anstiftung zum Mord, nicht aber wegen Mordes verurteilen wird. Nicht nur, dass die Leiche des seit 2007 vermissten Rentners Walter Klein bis heute nicht gefunden worden ist. Es gibt auch keinen Hinweis auf die Tat.

Aber ein Motiv, das gegen S. spricht: Hass.

1988, kurz nachdem er mit seiner Frau in das Haus, das zuvor Walter Klein gehört hat, in Oberlascheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) eingezogen ist, kommt es zur ersten Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern.

S. will, dass Klein auszieht; dieser weigert sich. S. schießt zwei Mal auf Klein, verletzt ihn schwer, aber nicht lebensgefährlich.

Der Schütze wird dafür zu drei Jahren Haft verurteilt, bei einer Verhandlung, in der es um Schadenersatzforderungen Kleins an S. geht, türmt der Verurteilte und taucht bis 2001 mit seiner Frau in Spanien unter.

Nachbar hat Kopfgeld abgelehnt



Ein Jahr später bietet er einem Nachbarn Geld für einen Mord an Klein an. Für die Entsorgung der Leiche werde er, S., sorgen. Der Nachbar lehnt das Kopfgeld ab, meldet das Ganze aber nicht der Polizei. S. und Klein überziehen sich in den darauffolgenden Jahren mit Klagen, es kommt ständig zu Streitigkeiten. Im Sommer 2007 soll S. dem damals 69-jährigen Rentner gedroht haben, er werde ihm "das Gehirn aus dem Kopf schlagen". Sechs Wochen später ist Klein verschwunden. Spurlos.

Bis auf sein Auto, das im nahe gelegenen luxemburgischen Clervaux auf einem Parkplatz entdeckt wird. Das schnelle Auffinden des Autos habe S. nervös gemacht, ist die Richterin überzeugt. Kurz danach verlassen er und seine Frau nämlich "überstürzt", wie es im Urteil heißt, das Haus - wohin, das steht bis heute nicht fest. Sie seien in Belgien unterwegs gewesen, behauptet S. vor Gericht. Beweisen kann er es nicht. Die Richterin vermutet, dass dabei vielleicht die Leiche von Walter Klein "entsorgt" worden ist. Beweisen kann sie das aber nicht. Die Richterin stützt sich in ihrer ausführlichen Urteilsbegründung auf Zeugen, die sie durchweg für glaubwürdig hält. Nicht nur die Hauptbelastungszeugin, Lebensgefährtin des mittlerweile verstorbenen Nachbarn, dem S. 2002 das Kopfgeld für die Ermordung Kleins geboten hatte. Auch zwei Zeugen, die nach Ansicht des Gerichts überzeugend und glaubhaft versichern, S. und seine Frau kurz nach dem Verschwinden in Clervaux gesehen zu haben, obwohl S. bis heute bestreitet, jemals dort gewesen zu sein. Die Aussagen aller Zeugen in dem Prozess tut er als Falschaussagen ab. Noch kurz vor der Urteilsverkündung nennt er den Prozess den "unfairsten in der deutschen Geschichte".

Staatsanwalt Eric Samel hingegen ist zufrieden mit dem Richterspruch. "Ein gutes Ende einer langen, sehr intensiven Ermittlungsarbeit", sagt er. Wohl wissend, dass der Bundesgerichtshof das Urteil auf Antrag des Verteidigers von S. überprüfen und möglicherweise zumindest den Mordvorwurf revidieren wird.

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