Mutiges Bohren dicker Bretter

Gott lebt - auch wenn es nicht in der Präambel der europäischen Verfassung steht: Mit dem Hinweis hat sinngemäß Kardinal Karl Lehmann sein Bedauern über den fehlenden Gottesbezug im Verfassungstext skizziert.

In der Randnotiz schwingen Enttäuschung und Gekränktheit mit (die Kirchen finden sich nicht gerne damit ab, dass ihr Einfluss immer mehr schwindet), aber auch Trotz. Und vielleicht ist das die genau richtige Reaktion. In durchsäkularisierten Zeiten und Gesellschaften helfen keine Rückzieher auf Rechte und Einflüsse von einst, sondern nur lebendige Zeugnisse und neues Standing. Der Katholikentag von Ulm wirkt in diese Richtung, weil er ungewohnt ökumenisch und ungewohnt offen operierte. Das lag auch daran, dass mancher konservative Hardliner fernblieb und ein liberaler Geist über dem Treffen schwebte, für den auch Lehmann steht. Beispiel: Die Gunst der Stunde wurde genutzt, um offiziell geschasste Kirchenkritiker wenigstens für einen Moment aus ihrer Verbannung zu holen. Die hatten die Hütte voll - und verzichteten auf Provokationen. Ökumenisch, offen, kritikbereit: Die Erfahrung von Ulm macht Mut. Das kraftvolle Bohren dicker katholischer Bretter kann weitergehen. m.pfeil@volksfreund.de