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Mutterhaus Trier voll im Trend: Immer mehr Frühchen überleben

Mutterhaus Trier voll im Trend: Immer mehr Frühchen überleben

Die Zahl der vorzeitigen Geburten steigt. Bereits ab einem Gewicht von 500 Gramm haben Neugeborene Überlebenschancen. Der Welt-Frühgeborenen-Tag macht heute auf die Probleme und Risiken aufmerksam, mit denen diese Kinder zu tun haben.

 Glückliche Eltern: Sophie Wiesner und Sigmar Huwer sind froh, dass es Carl inzwischen gut geht. Bei seiner Geburt war der Junge nur 940 Gramm schwer.
Glückliche Eltern: Sophie Wiesner und Sigmar Huwer sind froh, dass es Carl inzwischen gut geht. Bei seiner Geburt war der Junge nur 940 Gramm schwer. Foto: Rainer Neubert
 Technik hilft beim Überleben: Oberarzt Dr. Moritz Vogel untersucht ein frühgeborenes Kind, das geschützt in einem Inkubator liegt und noch einige Wochen braucht, um ohne Hilfe leben zu können. Schon Kinder in der 24. Schwangerschaftswoche haben eine Chance. Sie wiegen dann bei der Geburt in der Regel weniger als 500 Gramm.
Technik hilft beim Überleben: Oberarzt Dr. Moritz Vogel untersucht ein frühgeborenes Kind, das geschützt in einem Inkubator liegt und noch einige Wochen braucht, um ohne Hilfe leben zu können. Schon Kinder in der 24. Schwangerschaftswoche haben eine Chance. Sie wiegen dann bei der Geburt in der Regel weniger als 500 Gramm. Foto: Rainer Neubert

Etwa 62 000 Kinder werden deutschlandweit in diesem Jahr mehr als zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Etwa jedes zehnte Neugeborene ist damit ein Frühchen. Wiederum 9000 dieser Babys wiegen bei der Geburt weniger als 1500 Gramm. Sie sind noch nicht in der Lage, selbstständig zu überleben und müssen in sogenannten Perinatalzentren wie dem Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier versorgt werden.

"Wir haben in diesem Jahr bereits 52 dieser sehr kleinen Frühgeborenen behandelt", sagt Chefarzt Dr. Wolfgang Thomas. Die 16 Wärmebettchen und - im Volksmund Brutkästen genannte - Inkubatoren der Frühgeborenenstation im Mutterhaus sind in der Regel belegt. Denn das Einzugsgebiet als Perinatalzentrum Level 1 ist groß und reicht weit über die Region Trier hinaus.

Auch Kinder, die bereits in der 24. oder 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht werden, haben hier eine Überlebenschance, wenn auch die Gefahr von bleibenden Entwicklungsbeeinträchtigungen steigt, je kleiner das Baby ist.

Darauf weist am heutigen Welt-Frühgeborenen-Tag auch der Bundesverband "Das frühgeborene Kind" hin. Obwohl die Fallzahlen zunähmen, würden Probleme und Risiken für die weitere Entwicklung dieser Kinder nicht in entsprechendem Maß wahrgenommen.

"Obwohl die Überlebens- und Entwicklungschancen deutlich besser sind als früher, gibt es noch immer Kinder, die Schäden behalten oder sterben", sagt der Trierer Oberarzt Moritz Vogel.

Seit 1975 ist in Deutschland das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt ihrer Kinder von 26,7 auf 31 Jahre (Rheinland-Pfalz 30,7 Jahre) gestiegen. Experten sehen darin aber nicht den Hauptgrund für den Anstieg der Frühgeburten. Ausschlaggebend dafür sei vielmehr die moderne Reproduktionsmedizin. Dadurch habe auch die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften deutlich zugenommen.

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Von Frühchen, Kängurus und dem Willen zum Leben

Mehr als 50 Kinder mit einem Gewicht unter 1500 Gramm sind in diesem Jahr im dafür spezialisierten Mutterhaus Trier zur Welt gekommen.

Wenn alles klappt, wird Carl an Weihnachten zu Hause sein. Doch für seine Eltern ist er schon jetzt das größte Geschenk. "Für uns ist aber vor allem wichtig, dass er gesundheitlich stabil ist", sagt Sophie Wiesner mit einem Blick auf den kleinen Menschen in ihrem Arm, der gerade sichtlich ermattet an seiner Trinkflasche nuckelt. Noch führt der dünne Schlauch einer Magensonde in seine Nase. Doch das wird bald nur eine Erinnerung sein.

Carl ist eines von 52 sehr kleinen Frühgeborenen, die sich bislang in diesem Jahr im Mutterhaus der Borromäerinnen ins Leben gekämpft haben. Nur 36 Zentimeter groß und 940 Gramm schwer war der Junge, als er in einer auch für seine Eltern dramatischen Nacht mit einer Notoperation in die Welt geholt wurde, fast drei Monate vor dem errechneten Geburtstermin.

"Wir waren beide auf den Intensivstationen", erinnert sich Sophie Wiesner an die ersten 14 gemeinsamen Tage, in denen die beiden fast immer getrennt waren. Partner und Papa Sigmar Huwer übernahm in dieser Zeit die Aufgabe, seinen Sohn beim Kampf in das Leben durch Nähe und Zuneigung zu unterstützen.

Mehr als 7000 Kinder hat Dr. Gerd Lenninger in den vergangenen 30 Jahren auf die Welt gebracht. Der Leitende Oberarzt der Geburtshilfe weiß, was Eltern von Frühgeborenen auch mental mitmachen. "Das ist oft eine Achterbahn der Gefühle. Je kleiner ein Frühchen ist, desto größer ist die Gefahr von Komplikationen an Lunge, Darm oder Gehirn."
In Deutschlands Kinderkliniken sind Frühgeborene nicht ohne Grund die größte Patientengruppe. Wichtig sei es deshalb, Kind und Eltern von Beginn an zu unterstützen und zu betreuen.

Was damit zum Beispiel gemeint ist, wird beim Blick in ein Zimmer der Frühgeborenenstatoin deutlich, wo zwar Technik, Plexiglas-Brutkästen und Wärmebettchen die Zimmer dominieren. Dennoch herrscht eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre. Nicht nur einmal ist da der mit der Comicfigur eines Kängurus verzierte Hinweis zu sehen. Es ist eine Aufforderung an die Eltern. Denn mit der Känguru-Methode (siehe Extra) sollen diese winzigen Geschöpfe so schnell wie möglich Körperkontakt zu ihren Eltern bekommen.

Mit diesem Ansatz entspricht das Perinatalzentrum (perinatal = um die Geburt herum) der höchsten Qualitätsstufe Level 1 ziemlich genau den Forderungen, mit denen sich der Bundesverband "Das frühgeborene Kind" heute an die Öffentlichkeit wendet. "Noch immer müssen in vielen Geburtskliniken in Deutschland Eltern auf den wertvollen Hautkontakt mit ihren Kindern verzichten, weil gerade niemand da ist, der Zeit hätte, beim Umlagern des Kindes vom Inkubator auf die Brust des Vaters oder der Mutter zu helfen", moniert Barbara Grieb, Vorstandsvorsitzende der überregional organisierten Elternorganisation. Deutschland leiste sich im europäischen Vergleich mit mehr als 220 zwar die meisten Perinatalzentren für Kinder unter 1500 Gramm Geburtsgewicht, so Grieb. "Aber nicht alle Standorte sind in der Lage, die für eine gute Frühgeborenenversorgung definierten Qualitätsziele zu erfüllen."

Dr. Wolfgang Thomas, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Mutterhaus Trier, sieht sein Haus nicht als Ziel solcher Kritik. "Wir sind gut", ist er überzeugt. Der unabhängige bundesweite Vergleich aller Perinatalzentren durch das OQTIC (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (www.perinatalzentren.org) bestätigt diese Einschätzung.

Doch es sind nicht alleine die guten Statistikwerte, die Chefarzt Thomas und dem Team von Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin und Kinderintensivpflege wichtig sind.

"Wir schaffen hier ein gutes System, das die ganze Familie nicht in ein Loch stürzen lässt", sagt Gerd Lenninger. Stationsleiterin Bianca Gorges spricht von Rundumbetreuung. "Wir haben ein gutes Netzwerk", sagt sie und meint damit auch die Nähe zur Villa Kunterbunt und die engen Kontakte mit dem Kinder-Frühförderzentrum.

Die sind notwendig, weil alle Frühgeborenen auch nach der Entlassung aus der Klinik zusätzlich zu den normalen Vorsorgeuntersuchungen ein standardisiertes Nachsorgeprogramm absolvieren müssen. Denn Frühchen haben trotz aller Fortschritte der Medizin ein größeres Risiko für das weitere Leben. So ist die Anfälligkeit für Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Lernprobleme größer als bei reif geborenen Kindern. "Besonders wichtig ist deshalb eine maximale Förderung", verdeutlicht Gerd Lenninger. "Dann können die meisten früh Geborenen ein gutes und selbstständiges Leben führen."

Auch dem kleinen Carl, der friedlich in den Armen seiner Mutter schläft, soll das gelingen. "Es ist toll, wie menschlich es hier zugeht", lobt Sophie Wiesner, die jeden Tag mit ihrem Sohn verbringt, seit sie ihre eigene Krankheit überwunden hat. "Es wird einem das Gefühl genommen, hilflos zu sein." Es ist ein gutes Gefühl, auch mit Blick auf Weihnachten, wenn Carl, der eigentlich am Nikolaustag das Licht der Welt erblicken sollte, endlich nach Hause kommt.

Extra: Frühgeborene

Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Das betrifft etwa jedes zehnte Kind in Deutschland. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Wegen der noch nicht abgeschlossenen Entwicklung drohen vor allem extremen Frühchen gesundheitliche Probleme.

Laut einer Erhebung des Aqua-Instituts in Göttingen lagen die Überlebenschancen im Jahr 2014 in Deutschland bei mit 24 vollendeten Schwangerschaftswochen geborenen Kindern bei 76 Prozent. Bei nach der 22. vollendeten Schwangerschaftswoche geborenen Kindern lagen die Überlebenschancen nur noch bei knapp 21 Prozent.

Häufigste Spätfolgen sind Entwicklungsverzögerungen, Atemwegserkrankungen, Störungen der Motorik und der Aufmerksamkeit. Darunter leiden Studien zufolge rund ein Drittel dieser Kinder. Da sich das nachteilig auf schulische Leistungen und berufliche Chancen auswirkt, ist eine besondere Förderung notwendig. dpa/red

Kindernachricht: Kanguru-Therapie

Der Körperkontakt zur Mutter und zum Vater ist für die Entwicklung von Kindern sehr wichtig. Das gilt auch und besonders für zu früh geborene Babys. Ebenso fördert der Hautkontakt intensiv die Beziehung und Gefühle der Eltern zu ihrem Kind.

In fortschrittlichen Kliniken wie dem Mutterhaus in Trier wird das berücksichtigt und mit der Känguru-Methode verfolgt. Das Kind wird - sobald es stabil genug dafür ist - auf die Brust von Mutter oder Vater gelegt und mit einer wärmenden Decke bedeckt.

Durch den direkten Hautkontakt spürt das Frühgeborene die Körperwärme, den Herzschlag und den Atemrhythmus seiner Eltern. Diese Sinneserfahrungen wirken beruhigend auf das Kind, da sie ihm bereits aus der Zeit der Schwangerschaft bekannt sind. Auch der Körpergeruch von Mama und Papa wird so vertraut. r.n.

Je früher ein Kind zur Welt kommt,
desto größer ist das Risiko


Die Ursachen für eine Frühgeburt sind unterschiedlich. Infektionen, Erkrankungen von Mutter und Kind, ein sehr junges Alter der Mutter oder auch Mehrlingsschwangerschaften können den vorzeitigen Abbruch einer Schwangerschaft bedeuten.

Das Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen ist seit Jahren eine zentrale Anlaufstation für die Behandlung von Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm. Deshalb ist dort trotz einer stärkeren Zentralisierung der Geburtshilfe in der Region die Zahl dieser kleinen Patienten nur leicht gestiegen. Nach Auskunft der Klinik sind im Zeitraum 2011 bis 2015 im Spezialbereich Neonatologie (Früh- und Neugeborenenmedizin) 253 Frühchen betreut worden. Damit ist das Mutterhaus das Perinatalzentrum mit der größten Patientenzahl in Rheinland-Pfalz.

Insgesamt wurden im Mutterhaus im vergangenen Jahr 481 kranke oder unreife Neugeborene versorgt. Das Einzugsgebiet reicht weit in Eifel, Hunsrück, Nordsaarland und Moseltal. Die nächsten Spezialkliniken, in denen so kleine Kinder betreut werden, liegen in Saarbrücken, Homburg, Bonn, Bad Kreuznach, Koblenz, Mainz und Luxemburg. In den Kinderkliniken Wittlich und Idar-Oberstein werden Frühgeborene betreut, die bei der Geburt mehr als 1500 Gramm wiegen.
Mit den Krankenhäusern in Kaiserslautern und Saarbrücken verbindet das Mutterhaus eine Kooperation. Von dort werden Schwangere nach Trier überwiesen, wenn vor der Geburt Fehlbildungen am Kind diagnostiziert wurden.

Deutschlandweit sind nach Angaben des Bundesverbandes "Das frühgeborene Kind" im Jahr 2014 62?482 Frühchen geboren worden. 8919 dieser Kinder wogen weniger als 1500 Gramm. Gemessen an der Gesamtzahl der 704?152 Geburten in Deutschland entspricht das 1,29 Prozent.

Je früher ein Kind zur Welt kommt, desto größer ist das Risiko, dass es stirbt oder bleibende Entwicklungsschäden erleidet.

4242 Kinder kamen 2014 vor der vollendeten 28. Schwangerschaftswoche und somit extrem unreif zu Welt. Mehr als ein Viertel dieser Kinder starben noch in der Klinik. Knapp 5000 Kinder, die im Jahr 2014 in Deutschland zur Welt kamen, wogen weniger als 1000 Gramm. Hier betrug die Sterblichkeitsrate 11,5 Prozent.

Die Überlebenswahrscheinlichkeit für Frühchen ab der 24. Schwangerschaftswoche, die von vielen Ärzten derzeit als ethische Grenze für vorzeitige Geburten betrachtet wird, liegt nach Angaben des Verbandes etwa bei 70 Prozent. r.n.

www.welt-frühgeborenen-tag.de