Mutti und Sohn

Niemand hätte es ihr übelnehmen können, wenn sie es nicht getan hätte - aber sie tut es. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt der Öffentlichkeit eine Biografie ihres Vize Philipp Rösler (FDP) vor.

Berlin. Einst war er ein namenloses, vietnamesisches Findelkind. Adoptiert mit neun Monaten, dann großgeworden im niedersächsischen Idyll und einem katholischen Hort, später in Papas Offizierskasino. Heute ist Philipp Rösler 38 Jahre alt, FDP-Chef und Vizekanzler. Ein atemberaubender Werdegang.
Neben ihm auf dem Podium in der Katholischen Akademie zu Berlin sitzt an diesem Dienstag eine Frau, die erst 1989 während der Wende mit der Politik begann. Ganz praktisch beim "Demokratischen Aufbruch", wo sie die ersten Computer auspackte. Auch Angela Merkels Großwerden ist von der Kirche geprägt, vom Vater, einem protestantischen Pfarrer. Jetzt ist sie 57 und Bundeskanzlerin. Ihre Karriere ist nicht minder aufregend.
Wenn man also das Verbindende sucht, dann findet man es in den spannenden Lebensläufen beider. Ansonsten sitzen dort zwei ein bisschen wie Mutti und Sohn.
In diesen Tagen, wo die Kanzlerin um ihre Mehrheit bei der Euro-Rettung ringt, ist es weit mehr als nur eine nette Geste, dass Angela Merkel die erste Biografie über Philipp Rösler vorstellt. Sie hätte es nicht machen müssen, und niemand hätte vermutlich daran Anstoß genommen. So aber setzt die Kanzlerin kräftige Signale: Für die schwarz-gelbe Koalition, an die darbende FDP, und für ihren inzwischen nicht mehr unumstrittenen Vize Rösler.
Allerdings hat sich in den letzten Wochen auch der Eindruck verfestigt, beide würden eine schwierige Beziehung miteinander pflegen. Gewiss, sie duzen sich, und vor jeder Kabinettssitzung bespricht man eine Viertelstunde lang die wichtigsten Dinge, berichtet die Regierungschefin. Wobei auch mal gescherzt wird "wenn es nottut".
Man erfährt sogar, dass Rösler Herbert Grönemeyer gut findet und Merkel auch. Und dass sie den "jungen Mann" während der Koalitionsverhandlungen 2009 ins Kanzleramt zum Tête-à-tête bat, um festzustellen: "Er ist nett, fix, schnell". Nur sind eben auch Dinge passiert, die ins Bild einer zerstrittenen und misstrauischen schwarz-gelben Koalition passen. Über die sprechen beide lieber nicht.
So ließ Merkel Finanzminister Wolfgang Schäuble gewähren, als dieser Rösler nach einem vertraulichen Treffen geringschätzig als "liebenswürdig" bezeichnete. Dann wurde aus dem Koalitionsausschuss kolportiert, wie die CDU-Chefin den Liberalen bei den Verhandlungen um den Atomausstieg zurechtgestaucht habe.
Rösler, getrieben vom Niedergang seiner Partei, suchte wiederum die Abgrenzung zu Merkel, insbesondere bei der EuroRettung. Fast hatte es in den vergangenen Wochen den Anschein, er habe mit dem Vorstoß der geordneten Insolvenz Griechenlands der Kanzlerin auf der Nase herumtanzen wollen.
Ein Akt des Freischwimmens? Rösler gibt zu, dass er in seiner neuen Rolle die "Geschwindigkeit und Größe der Entscheidungen unterschätzt hat". Merkel nickt, sie ist fast 20 Jahre älter und hat viel mehr Erfahrungen im politischen Geschäft. Sie wird "Mutti" in der Koalition genannt, und Muttis können für den Nachwuchs ziemlich erdrückend sein. Vielleicht hat Rösler sie deshalb mal als "Barbiepuppe" verspottet, wie die Kanzlerin anmerkt. Merkel sagt aber auch: "Wir haben das Vertrauen zueinander gefunden."
Wenn das stimmt, muss es ein hartes Stück Arbeit gewesen sein zwischen ihr und dem Jungspund da oben auf der Bühne. Er sagt dazu lieber nichts.

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