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Neue Rolle für kleine Kliniken

Neue Rolle für kleine Kliniken

Landeschef der Techniker Krankenkasse fordert neue Krankenhaus-Strukturen.

Herr Simon, wie bewerten Sie den Ärztemangel in Rheinland-Pfalz?Jörn Simon Faktisch gibt es derzeit noch keinen Ärztemangel bei uns im Land. Allerdings wird es in Zukunft in einigen Regionen wie Eifel, Hunsrück oder Westerwald immer schwieriger werden, Arztsitze nach zu besetzen. Viele Ärzte in ländlichen Regionen sind bereits über 50 Jahre alt und werden demnächst Nachfolger suchen. Ist mittelfristig die medizinische Versorgung im Land in Gefahr?Simon Davon gehe ich nicht aus. Wichtig ist, dass wir jetzt schon anfangen umzusteuern und nicht erst, wenn es brennt. Künftig müssen der ambulante und der stationäre Bereich besser verzahnt werden. Um die medizinische Versorgung in manchen Gebieten in Zukunft sicherzustellen, brauchen wir die Kliniken. Wir müssen mehr integrierte Versorgungseinrichtungen schaffen, wo ambulante und stationäre Ärzte eng zusammenarbeiten. Möglicherweise muss auch die fachärztliche Behandlung künftig in manchen Regionen vermehrt an den Krankenhausstandorten stattfinden. Der Mangel betrifft zunehmend auch Kliniken. Woran liegt es, dass so wenig Mediziner in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern arbeiten wollen?Simon Hier muss man zwischen verschiedenen Standorten unterscheiden. Krankenhäuser in ländlichen Gebieten haben es schwerer, Ärzte zu finden als Kliniken im städtischen Raum, weil auch viele Ärzte die gute Infrastruktur in den Städten schätzen. Zudem wird die Medizin zunehmend weiblicher. Das heißt, dass immer mehr Frauen als Ärztinnen arbeiten. Für sie ist es aber auch wichtig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Wir brauchen deshalb flexible Arbeitszeitmodelle, die dies ermöglichen. Muss sich die Krankenhauslandschaft in Rheinland-Pfalz ändern? Sind kleine Häuser überhaupt noch konkurrenzfähig?Simon Gerade in der Fläche werden die kleinen Häuser künftig eine Rolle spielen, um die ärztliche Versorgung zu garantieren. Hier geht es aber um eine Grundversorgung. Wenn jeder alles macht und wir lauter kleine Maximalversorger haben, ist dies auf Dauer nicht bezahlbar. Auch in den Städten brauchen wir nicht viele Kliniken, die alle das Gleiche anbieten. Die Häuser müssen sich künftig stärker abstimmen, wer welche Leistung vorhält. Das würde sowohl mehr Qualität als auch eine Kostenersparnis bringen. Was kann gegen den Ärztemangel getan werden?Simon Der Beruf des Allgemeinmediziners muss aufgewertet werden. Die Medizinstudenten müssen gezeigt bekommen, dass der Beruf des Hausarztes ungemein spannend ist, gerade, weil er ein so breites Feld abdeckt. Die Universität Mainz hat hierbei schon einen wichtigen Schritt unternommen, als sie vor gut einem Jahr das Institut für Allgemeinmedizin gegründet hat. Wir müssen außerdem mobile Strukturen schaffen, um den Arzt zum Patienten zu bringen oder auch umgekehrt. Ich kann mir vorstellen, dass Praxen auf dem Land künftig nicht nur von einem Arzt betrieben werden, sondern dass an bestimmten Wochentagen andere Fachärzte vor Ort sind. Inwieweit könnte Telemedizin, etwa Sprechstunden übers Internet, helfen, den Mangel an Ärzten auszugleichen?Simon Solche Konzepte können die flächendeckende Versorgung sicherstellen. Schon heute testet die TK eine Online-Videosprechstunde mit Hautärzten. Aber insgesamt tun wir uns in Deutschland noch sehr schwer mit der telemedizinischen Versorgung. Ich wünsche mir, dass die Ärztekammer in Rheinland-Pfalz die Vorschriften für telemedizinische Untersuchungen lockert. So wie in Baden-Württemberg. Bernd Wientjes Interview Jörn Simon ZUR PERSON

Extra

Jörn Simon ist seit Januar Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK). Er hat Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Heidelberg studiert. Von 2010 bis 2016 leitete er die TK-Landesvertretung im Saarland. Simon ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Ingelheim.