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Neuer Ring-Besitzer Viktor Charitonin ist vernarrt in Oldtimer - Scheuer Mensch mit Kreml-Kontakt

Starker Mann am Ring: der Pharmaunternehmer Viktor Charitonin. Foto: Archiv
Starker Mann am Ring: der Pharmaunternehmer Viktor Charitonin. Foto: Archiv
Nürburg/Moskau. Binnen kürzester Zeit hat der Russe Viktor Charitonin die Mehrheit der Capricorn Nürburgring Besitzgesellschaft mbH (CNBG) übernommen, der eigentlichen Käuferin von Rennstrecke und Freizeitpark. Damit ist er der neue Herr des Rings, auch wenn Minderheitsgesellschafter Axel Heinemann (GetSpeed) noch ein Drittel der Anteile hält. Dietmar Brück

Nürburg/Moskau. Nun ist er doch da, der russische Oligarch am Nürburgring. Sein Name: Viktor Charitonin. Sein Alter: 41 Jahre. Sein Beruf: Pharmaunternehmer. Sein Vermögen: geschätzte 500 bis 800 Millionen Euro. Seine Autosammlung: angeblich 80 bis 100 Fahrzeuge, darunter viele Oldtimer. Sein Freund: Roman Arkadjewitsch Abramowitsch, geschätzte acht Milliarden Euro schwer. Sein Wohnort: St. Tropez, französisches Mekka der Schönen und Reichen.Nächste Sitzung Mitte November


Einen Strich durch die Rechnung können ihm eigentlich nur noch die europäischen Gerichte machen, sollten sie nach einer Klage den Nürburgring-Verkaufsprozess kippen. Der Gläubigerausschuss hat nach Auskunft der Insolvenzverwalter kein Vetorecht, da sich die Käuferin nicht geändert hat. Die nächste Sitzung ist Mitte November.
Doch wer ist eigentlich Viktor Charitonin? Jener Mann, dessen bloße Erwähnung den Verkaufsgegnern die Zornesröte ins Gesicht treibt. Sie fühlen sich von rot-grüner Landesregierung und Insolvenzverwaltern getäuscht, die stets betonten, der Ring gehe weder an eine Heuschrecke noch an einen arabischen Scheich oder russischen Oligarchen. Auch bei der Opposition im Land kommt der aktuelle Deal schlecht an. "Es war Volkseigentum, jetzt haben wir einen russischen Oligarchen dort", erklärte CDU-Chefin Julia Klöckner.
Viktor Charitonin - das große Rätsel. Er gilt als öffentlichkeitsscheu, bleibt gerne im Hintergrund, lässt sich nicht einordnen. Bei Journalisten in Moskau wird er als unauffällig beschrieben. Er soll aber gute Kontakte zum Kreml haben, vor allem zum einflussreichen Minister-Ehepaar Golikowa-Christenko. Viktor Christenko stieg kurzzeitig bis zum russischen Interimsministerpräsidenten auf, ist jetzt Industrieminister. Seine Frau Tatjana Golikowa amtierte als Gesundheitsministerin und wirtschaftspolitische Beraterin von Staatspräsident Wladimir Putin. Derzeit ist sie Rechnungshofpräsidentin.
Charitonin (verheiratet, zwei Kinder) versteht sich offenbar blendend mit einem der schillerndsten russischen Milliardären: Roman Abramowitsch. Freilich, ohne seinen Luxus öffentlich zu zelebrieren. Abramowitsch galt lange als enger Vertrauter des russischen Präsidenten. Der Chef eines Firmenkonglomerats hat sich fest im internationalen Jet Set etabliert. Allein für die "Pelorus", eine 115 Meter lange Mega-Yacht blätterte er 254 Millionen Euro hin. Zudem gehört dem in London lebenden Superreichen der englische Fußballclub FC Chelsea.
Gerüchteweise soll Abramowitsch seinen Freund Charitonin jüngst zum Nürburgring begleitet haben - bei dessen erstem und bislang einzigen Besuch in der Eifel. Die beiden Männer teilen wohl eine gewisse Sportbegeisterung: Abramowitsch für Fußball und Charitonin für Autos und Motorsport. Abramowitsch gehört wohl auch zu dem Konsortium, das die neue NR Holding AG bildet, der die meisten Ring-Anteile gehören.
Im Gegensatz zu dem Pharmaunternehmer Charitonin ist Abramowitsch ein waschechter Oligarch der ersten Stunde. Er hat sein Vermögen in den wilden Zeiten nach dem Zusammen bruch der Sow jetunion gemacht, als sich clevere und skrupellose Geschäftsleute an der Konkursmasse der kommunistischen UdSSR bereicherten. Bei Charitonin scheiden sich die Geister. Einige Russland-Kenner behaupten, dass auch er in diesen Zeiten den Grundstein für sein immenses Vermögen gelegt hat. Andere behaupten, dass er erst viel später auf den Plan trat und damit kein klassischer Oligarch sei. Fakt ist: Sein Hauptunternehmen - die Pharmstandard-Holding - gründete er erst 2003 .Unternehmen gilt als solide


Damals waren Abramowitsch und der Milliardär Evgeny Markovich Shvidler seine Geschäftspartner. Inzwischen ist Charitonin Großaktionär und Aufsichtsratschef von Pharmstandard. Er hält 38 Prozent der Anteile des führenden russischen Arzneimittelproduzenten. Das Unternehmen gilt unter Wirtschaftsexperten als solide. Es arbeitet nach eigenen Angaben nach EU-Standards und fährt jedes Jahr satte Millionengewinne ein.
Der Aktienkurs von Pharmastandard soll inzwischen allerdings gefallen sein - wegen Umstrukturierungen und der Krim-Krise. Pharmstandard ist an der Londoner Börse gelistet und immer noch 1,4 Milliarden Euro wert. Geschäftsbeziehungen bestehen unter anderem mit dem US-Pharmariesen Johnson & Johnson sowie dem Chemie- und Pharmakonzern Merck mit Sitz in Darmstadt.
2013 führte das Wirtschaftsmagazin Forbes Viktor Charitonin noch auf Rang 52 der reichsten Russen. Sein Vermögen verwaltet er laut Wirtschaftswoche unter anderem über zwei Briefkastenfirmen auf Zypern.
Charitonins großes Hobby sind Oldtimer. Am Ring will er angeblich seine Motorsportleidenschaft ausleben. Vor allem die Formel 1 liege ihm am Herzen, heißt es. In der Königsklasse wolle er Gas geben. Im Mai diesen Jahres nahm er an der Rallye Mille Miglia mit einem Mercedes 500 K (Baujahr 1935) teil. Der Publikumsliebling unter den Oldtimer-Veranstaltungen führt von Brescia nach Rom und zurück. Charitonin trug die Startnummer 101. Sein Co-Pilot Viktor Martin ist ein enger Vertrauter des Milliardärs oder zumindest Multimillionärs. Martin soll eine wichtige Rolle am Ring spielen.
Charitonin ist wohl auch an der Retro Classic GmbH im Gewerbepark Fliegerhorst Langendiebach beteiligt. Auf dem früheren US-Militärflugplatz bei Hanau entsteht eine Oldtimer-Classic-Stadt mit Eventflächen, Oldtimerausstellungen, Einstellplätzen und gläsernen Werkstätten.