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Neues Selbstbewusstsein dank Ein-Euro-Job

Neues Selbstbewusstsein dank Ein-Euro-Job

Ein-Euro-Jobs stehen in der Kritik, weil sie zu selten dazu führen, dass Menschen eine feste Arbeitsstelle finden. Zu Unrecht, wie ein Koblenzer Wissenschaftler festhält. Denn die Jobs erfüllen, wie eine Studie zeigt, eine andere wichtige Funktion.

25 Jahre lang war Maria Rausch (Name geändert) Hausfrau und Mutter. Dann scheiterte die Ehe. Eine Ausbildung hatte sie nicht. Einen Job fand sie nicht. Und so wurde sie Hartz-IV-Empfängerin. Andere Langzeitarbeitslose sind zu alt, haben Rheuma, nehmen Drogen, können nicht schreiben, besitzen keinen Führerschein, sind zu dick oder schon so lange arbeitslos, dass niemand daran glaubt, dass sie für einen Job geeignet sein könnten. Man rede von den Arbeitslosen, sagt Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz. "Aber es gibt eine unglaubliche Vielfalt von Arbeitslosigkeit."

In einer vom Bistum Trier und der Evangelischen Kirche im Rheinland beauftragten Studie hat Sells Institut untersucht, welche Wirkung Ein-Euro-Jobs haben und welche Konsequenzen die drastische Kürzung der Fördermittel nach sich zieht. Die Ergebnisse sind anders als die anderer Studien. Denn im Fokus steht nicht die Frage: Wurde das arbeitsmarktpolitische Ziel erreicht, die Leute wieder ins Berufsleben einzugliedern? Im Fokus steht diesmal die sozialpolitische Dimension der Ein-Euro-Jobs und die Frage: Wie bewerten die Betroffenen selbst ihre Situation?

Die Ergebnisse wurden gestern in Trier präsentiert. Und sie fallen sehr viel positiver aus, als so manch anderes Urteil über Ein-Euro-Jobs. Haben die Befragten doch in fast allen Gesprächen deutlich gemacht, welch hohen Wert sie der Arbeitsgelegenheit zuschreiben. Und das, obwohl nur wenige glauben, dass sie dadurch einen festen Job finden können. Der Grund: Viele erfahren zum ersten Mal Anerkennung, entwickeln ein neues Selbstwertgefühl. Nach jahrelanger Arbeitslosigkeit haben sie den Eindruck, wieder an der Gesellschaft teilzuhaben.

So ging es auch Maria Rausch. Sie hatte kein Geld, um mit Freundinnen Kaffee trinken zu gehen, kaum noch Kontakte. Durch die Betreuung alter Menschen ist sie aufgetaut, hat neue Leute kennengelernt und auch ein bisschen mehr Geld. Ihre "Gammelei" hat ein Ende, der Tag wieder eine Struktur. Ja, Rausch gehört sogar zu dem Drittel der Langzeitarbeitslosen, die nach dem befristeten Ein-Euro-Job Perspektiven haben.

Wenn es dabei vielleicht auch nur um einen Minijob geht. Andere hingegen fallen Sell zufolge danach in ein Loch und resignieren. Oder sie warten, dass etwas passiert. Geschieht dies nicht, resignieren auch sie. Und darin sieht Sell eine Gefahr. Denn dann würden auch sie die Gruppe derjenigen vergrößern, die dauerhaft Hartz IV beziehen. Sell fordert daher, dass es möglich sein muss, "denen die ganz unten sind", auch weiterhin Beschäftigung anzubieten. "Dafür brauchen wir Geld", sagt er. Die Befristung müsse für jeden Einzelfall flexibel gehandhabt werden und die Arbeit sinnvoll sein. So wie die Betreuung alter Menschen für Maria Rausch.Extra

Im Kreis Bernkastel-Wittlich gibt es 2335 Langzeitarbeitslose, im Kreis Bitburg-Prüm 1583, in Trier 4573, in Trier-Saarburg 2389 und im Vulkaneifelkreis 1115. Ihre Zahl ist leicht gestiegen. kah