New Yorker stürmen zu neuen Höhen

New Yorker stürmen zu neuen Höhen

New York. Viereinhalb Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September hat in New York offiziell der Neubau des Ersatzes für das World Trade Center begonnen. Der "Freedom Tower" soll mit 541 Metern das höchste Gebäude der USA werden.

Schlapp hängt eine von der Sonne verblichene amerikanische Fahne an der Einfahrt zur Baugrube. Unten, im "pit", wie die Bauarbeiter von "Ground Zero" ihren Arbeitsplatz nennen, laden Bagger Erde auf bereitstehende Lastwagen. An den Sperrzäunen drücken, wie jeden Tag, Touristen auf den Kameraauslöser. Wenige Stunden zuvor hat New Yorks Gouverneur George Pataki hier eine mit Pathos gefüllte Rede gehalten. "Der Freedom Tower wird zu einem Symbol unserer Freiheit und Unabhängigkeit werden", versprach der Politiker. "Freedom-Tower" heftig umstritten

Ein Quintett von fünf Wolkenkratzern - der 70 Stockwerke hohe "Freedom-Tower", umrankt von vier niedrigeren Bauwerken - soll bis zum Jahr 2012 das Vakuum füllen, das die am 11. September 2001 nach den Terrorattacken eingestürzten Türme des World Trade Centers hinterließen. Doch zu einer Zeit, da in New York viel von Symbolismus geredet wird, spiegelt allein schon der bis zum offiziellen Baubeginn am Donnerstag tobende Streit hinter den Kulissen die ungewisse Zukunft des 6,2-Milliarden-Dollar-Projektes wider. Bis zuletzt gab es erbitterte Auseinandersetzungen um Details und Nutzung der Türme zwischen dem Eigentümer des Grundstücks, der Hafenbehörde von New York, und dem früheren Pächter des World Trade Center, Immobilien-Tycoon Larry Silverstein. Der Baulöwe setzte sich schließlich mit einigen Kernforderungen durch - unter anderem, dass ihm in Zukunft die drei Türme des Komplexes gehören werden, die am nächsten zur Wall Street liegen und deshalb am besten zu vermarkten sein werden. Auch verpflichteten sich die Stadtväter, nach Fertigstellung eine Vielzahl an Büroflächen in den Silverstein-Gebäuden anzumieten, um das finanzielle Risiko der Privatinvestoren etwas zu verringern. Denn dass der Bau des World-Trade-Center-Nachfolgers mit Unwägbarkeiten verbunden ist, daran besteht für viele New Yorker kein Zweifel. Da ist zum einen die von Konstruktions-Experten geäußerte Befürchtung, dass es im Einzugsgebiet von New York in den nächsten Jahren gar nicht genug Stahl und Beton geben wird, um die fünf Türme in der "Ground Zero"-Grube sowie eine Vielzahl ebenfalls geplanter Neubauprojekte zu errichten: Eine 1,7 Milliarden Dollar teure Erweiterung des Kongress-Zentrums, das auf zwei Milliarden Dollar veranschlagte Hauptquartier des Finanzgiganten Goldman Sachs oder der Bau von zwei Baseball-Stadien fallen alle in denselben Erstellungs-Zeitraum. Zum anderen existieren Bedenken, dass nach der Fertigstellung des Quintetts die Stadt ein Überangebot an dann unvermietbaren Büroflächen treffen wird - Sorgen, die vor allem für das Kernstück des "Freedom Tower" geäußert werden. "Die Idee dieses Turms ist ein Desaster, man sollte die Planung sofort in den Papierkorb werfen", sagt beispielsweise Susan Fainstein, Professorin für Stadtplanung an der Columbia-Universität. Sie glaubt, dass Firmen wegen der Höhe des Wolkenkratzers dort nicht einziehen werden, weil sie das Bauwerk als zukünftige Terroristen-Zielscheibe ansehen werden. "Hier droht eine gewaltige unrentable Bauruine", prophezeit sie. Gouverneur Pataki jedoch will von dieser Furcht nichts wissen: "Wir bauen", sagte er trotzig, "nicht niedrig, weil wir gegen den Terror kämpfen. Wir werden zu neuen Höhen stürmen." Andere fürchten allerdings einen jähen Absturz - weil die Stadtväter New Yorks aus Prestigegründen vermutlich eine Vielzahl von öffentlichen Verwaltungen aus anderen Gebäuden abziehen und in den "Freedom Tower"-Komplex umsiedeln würden. "Manchen dieser Eigentümer wird nichts als der Gang in die Pleite bleiben", prophezeit ein New Yorker Immobilien-Insider.Gute Zeiten für die Männer vom Bau

Schlechte Zeiten für Grundbesitzer, bessere Zeiten jedoch für die Männer vom Bau. Bis zu 15 000 Arbeiter, so schätzt man, werden in den nächsten drei bis fünf Jahren täglich in und um "Ground Zero" ihr Brot verdienen und Hand an die kommerziellen Teile des gewaltigen Komplexes legen. Wann der für manche US-Bürger wichtigste Teil des Bauwerks - die Gedenkstätte für die Opfer - fertig gestellt werden wird, steht jedoch weiter in den Sternen. Die Finanzierung dieses Projektes ist weiter offen, nachdem die vermuteten Kosten auf 800 Millionen Dollar angewachsen sind. Und staatliche Sicherheitsfachleute haben immer noch Bedenken, was die unter der Erde liegenden Teile der Gedenkstätte angeht. Diese seien wegen der Symbolträchtigkeit der Anlage "das perfekte Terroristenziel", heißt es in einer Analyse.