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Nicht immer nur froh und munter

Nicht immer nur froh und munter

TRIER. Weihnachtszeit - schöne Zeit? Nicht für alle. Stress und Streit machen vor Weihnachten nicht Halt. Diplom-Psychologin Hildegard Belardi gibt Tipps, wie Weihnachten zum Fest der Liebe wird und wie vor allem Frauen dem Stress ein Schnippchen schlagen können.

Menschen hetzen durch die hell erleuchteten Einkaufsstraßen. Plätzchen werden gebacken, das Festmenü ausgewählt und Geschenke originell verpackt. Ist es dann endlich soweit, hängt oftmals der Haussegen schief, schneller als die ersten Flötentöne unterm Tannenbaum erklingen. Woran liegt es, dass es häufig unterm Weihnachtsbaum kracht und Stress die Vorweihnachtszeit prägt? Damit Stress das Fest nicht überschattet, rät Diplompsychologin Hildegard Belardi aus Bensberg, Abstriche zu machen. "Abstriche machen an der Dekoration, am Festmenü und an Geschenken und den Erwartungen. Ein jegliches Weniger ist eine Erleichterung", so die Psychologin. Vor allem Frauen rät sie, die Rolle der heimlichen Intendantin eines perfekten Festes aufzugeben. "Frauen sollten ihren Perfektionsdrang zügeln. Zum Beispiel sollten sie lernen, dass die Strohsterne, die die Kinder oder der Partner basteln, nicht vollkommen sein müssen. Und wer sagt, dass die Zimtsterne nicht auch einmal wie kleine Fußbälle aussehen dürfen?", so Belardi. Wer sich nicht völlig überfordern will, muss lernen abzugeben und die Ansprüche herunterzuschrauben. "Wo sind die kleinen rotbackigen Jungen, die einst unterm Weihnachtsbaum saßen, bei der Vorbereitung geblieben?", fragt Belardi. Es gilt: Ein gelungenes Fest ist eine gelungene Gemeinschaftsleistung. Jedersollte sich ein ihm besonders wichtiges Ritual erfüllen dürfen und einzelne Arbeiten übernehmen. Schon bei der Planung, wer denn eingeladen wird oder wo gefeiert werden soll, steigt häufig der Adrenalinspiegel. Belardi rät zu einem "eigensinnigen" Weihnachtsfest. Die Expertin weiß, dass viel Mut dazu gehört, Tante Emma zu sagen, dass sie in diesem Jahr nicht eingeladen wird. Lebensveränderungen wie Geburt eines Kindes, Trennung, Tod oder Heirat berühren auch Weihnachten. "Wenn Kinder mit essen, muss halt was anders auf den Tisch als das scharfe Chili con carne der letzten Jahre", so Berladi. Bei einem überschattenden Erlebnis wie Tod kann ein Ritual geschaffen werden, das Weihnachten erträglich werden lässt. Eine bundesweite aktuelle Trendforschung der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie zum Thema Weihnachtsstress hat ergeben, dass je starrer Menschen an Traditionen festhalten, um so größer der Stress ist. "Alles soll so sein wie letztes Jahr, funktioniert nicht, wenn sich Lebensumstände ändern", so die Psychologin. Dass so viele Menschen an alten Ritualen festhalten wollen, hängt damit zusammen, dass sie Sicherheit geben und Ängste binden. "Jedes Neue bereitet nicht nur Freude, sondern schürt auch Ängste", weiß Belardi. Die Erwartungen an ein schönes harmonisches Weihnachtsfest mit strahlenden Kinderaugen und einer biblischen heilen Familie sind riesengroß. "Doch Sehnsüchte sind Hirngespinste und die Realität eine andere", formuliert Hildegard Belardi. Spannungen sind damit programmiert. "Häufig führen dann der kleine Wachsklecks auf der weißen Tischdecke, die schiefe Kerze auf dem Weihnachtsbaum oder ein Geschenk dazu, dass es unterm Weihnachtsbaum scheppert und Tränen fließen", sagt die Psychologin. Und: "Alle Beziehungen bilden sich an dem Thema Weihnachten ab", so Belardi weiter. Alles, was das ganze Jahr über unter den Teppich gekehrt wird, bricht sich bei so viel Erwartung Bahn am Fest der Familie. Auch empfinden Menschen je nach Lebenssituation Weihnachten als ein Fest von zu viel Nähe oder aber auch zu viel Einsamkeit. Der Rat: Möglichkeiten für einen Rückzug finden, denn es ist ganz normal, dass niemand ununterbrochen drei Tage "aufeinander hängen" kann, und Alleinstehende sollten früh genug planen, dass sie an Weihnachten unter Menschen sind. "Es gibt nur ein Rezept, dass an Heiligabend alle froh und munter sind, nämlich dann, wenn "eigensinnig" Weihnachten gefeiert wird", so Belardi..