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Nicht nur die First Lady applaudiert Joachim Gauck

Nicht nur die First Lady applaudiert Joachim Gauck

Joachim Gauck ruft die Deutschen zu Mut und Zuversicht auf. Mut macht auch, wie deutlich der neue Bundespräsident Stellung bezieht gegen den Rechtsextremismus (siehe Wortlautauszüge). Und dann zitiert er Willy Brandt und lobt die Generation der 68er.

Berlin. Richard von Weizsäcker und seine Ehefrau Marianne haben auf der Ehrentribüne im Berliner Reichstag Platz genommen. Daneben sitzen die Herzogs, und auch die Köhlers sind gekommen. Mit Spannung verfolgen die drei Altbundespräsidenten jene feierliche Zeremonie, in deren Mittelpunkt auch sie einst gestanden hatten.
Riesige Erwartungen


Ganz vorn im Saal, gleich neben dem Bundesadler, hält Bundestagspräsident Norbert Lammert die Urschrift des Grundgesetzes in der Hand. Schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren. Anders als sein Kurzzeit-Vorgänger Christian Wulff spricht Joachim Gauck den Amtseid ohne verbalen Patzer - ".so wahr mir Gott helfe." In diesem Augenblick ist der gelernte Pfarrer aus dem deutschen Osten auch ganz offiziell das elfte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik.
Reden kann der Mann. Das weiß inzwischen jeder. Aber was hat er zu sagen? Auch Lammert kennt die riesigen Erwartungen, mit der Gaucks Antrittsrede an diesem Freitagvormittag befrachtet ist. Deshalb erinnert er daran, dass Gauck gleich nach seiner Nominierung gesagt habe, er sei weder Supermann noch ein fehlerloser Mensch. "Das eine ist so beruhigend wie das andere." Da muss auch Gauck schmunzeln. Eingeweihte erzählen, er habe seine Antrittsrede selbst geschrieben, ohne Zutun der Souffleure im Schloss Bellevue. Auf jeden Fall klingt sie sehr authentisch. Eben wie ein echter Gauck.
Die Überschrift kleidet er in Frageform: "Wie soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel ,Unser Land\' sagen sollen?" In seiner Antwort schneidet Gauck viele große Themen an. Die Freiheit natürlich, sie ist sein Lebenselixier. Aber auch die soziale Gerechtigkeit, die nach dem Geschmack vieler Kritiker bei Gauck bislang immer zu kurz kam. "Unser Land" müsse ein Land sein, das beides verbinde, erklärt Gauck. "Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit - und Gerechtigkeit als Bedingung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen.".Man dürfe nicht dulden, dass Menschen den Eindruck hätten, sie seien nicht Teil der Gesellschaft, weil sie arm, alt oder behindert seien.
Auch um die Muslime im Land will sich der Präsident kümmern. Und er erwähnt dabei ausdrücklich seinen Vorgänger Christian Wulff, der für eine offene Gesellschaft "nachhaltige Impulse" gegeben habe. "Ihr Anliegen" werde auch ihm am Herzen liegen, sagt Gauck.
Der Angesprochene nickt dazu voller Dankbarkeit. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Bettina sitzt Wulff nur ein paar Meter vom Rednerpult entfernt. Dort, wo auch schon andere unmittelbare Präsidentenvorgänger saßen, als es um die Inthronisierung ihrer Nachfolger ging. Auch wenn Wulffs Abschied vom Amt alles andere als glorreich war, so fällt darüber jetzt kein böses Wort. Schon gar nicht von Gauck, der anscheinend nicht nur Wulff, sondern ein möglichst breites gesellschaftliches Spektrum umarmen will.
Bei seiner Würdigung der westdeutschen Nachkriegsgeschichte findet Gauck lobende Worte für die 1968er Bewegung, aber auch für Konrad Adenauer, dem man die europäische Integration mit verdanke. Einzig Horst Köhler oben auf der Tribüne könnte sich etwas pikiert fühlen. In seiner Amtszeit hatte er die Kluft zwischen Volk und Politik mitunter sogar noch befeuert.
Selbst Gysi ist angetan


Dagegen wirbt Gauck demonstrativ für die Überwindung solcher Gräben. "Meine Bitte an Regierende wie Regierte: Findet euch nicht ab mit dieser zunehmenden Distanz!" Die einen müssten offen und klar reden und die anderen mitgestalten.
Selbst Linksfraktionschef Gregor Gysi ist von dem knapp 25 Minuten dauernden Auftritt Gaucks angetan. "Ich bin nicht ohne Hoffnung", sagt er später vor Kameras und Mikrofonen. Bei Union und FDP fällt das Urteil deutlich euphorischer aus. Von einer "großartigen Rede" schwärmt der Oberliberale Philipp Rösler, und der Parlamentsgeschäftsführer der Union, Peter Altmaier, meint, dass Gauck das Zeug zu einem "politischen Präsidenten" habe. Nur Christian Ströbele ist hörbar enttäuscht. Die Geschichte Westdeutschlands sei von Gauck viel zu positiv dargestellt worden, kritisiert der grüne Altlinke. "Ich frage mich, warum ich dann auf die Straße gegangen bin, um zu protestieren."
Gauck ist da längst schon im Schloss Bellevue eingetroffen, wo er mit militärischen Ehren begrüßt wird.