1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Ausland: "Nicht trinken ist keine Option" - Eine Trierer Stiftung baut Brunnen in Äthiopien - und verhilft so dem Land zum Aufschwung

Ausland : "Nicht trinken ist keine Option" - Eine Trierer Stiftung baut Brunnen in Äthiopien - und verhilft so dem Land zum Aufschwung

Hunger, Durst, Krankheit, Armut: Eine lange Liste von Problemen erwächst in Äthiopien aus einer einzigen Quelle: Wassermangel. Eine Trierer Stiftung baut dort solarbetriebene Brunnen - und stößt damit eine Entwicklung aus dem Kern des Landes heraus an.

Sie sind einfach faszinierend, diese feinen, weißen Härchen am Arm. Die Kinder können gar nicht aufhören, daran zu ziehen. Es ist ganz ungewöhnlich. Sie lachen, und Werner Abriß lacht auch. Er ist Mitglied der Lions International Deutschland. Gerade war er bei der Eröffnung eines Brunnens dabei, der mit Geldern der Lions und der Antonia-Ruut-Stiftung aus Trier finanziert wurde. Hinter ihm läuft ein alter Mann, der Abriß durch das schneeweiße Haupthaar fährt. Der hochgewachsene ehemalige Lehrer aus Offenbach in der Pfalz ist mit seinen Haaren ein richtiger Exot hier in Äthiopien.

Fotos, Videos, Interviews und weitere Infos in unserer Multimedia-Reportage auf: Special zum Thema[Link auf http://volksfreund.de/afrika]

Es ist Frühling. Die kleine Regenzeit ist eigentlich schon vorbei, doch noch regnet es fast jeden Abend in Strömen. Die Bauern Äthiopiens sind längst bei der Aussaat, dem Setzen von empfindlichen Zöglingen. Seit Hunderten von Jahren orientieren sie sich an den beiden Regenzeiten im Jahr, doch nun verschieben sich diese; werden länger oder kürzer, manchmal fallen sie ganz aus. Alles Auswirkungen des Klimawandels. Ein Phänomen, von dem viele Äthiopier nur seine Folgen kennen: schlechte Ernten, Dürren und somit Hunger und Durst. Das Wasser, das in den Regenzeiten vom Himmel fällt, sammelt sich in großen Pfützen. Effektiv nutzen können es die Ähtiopier nicht. Sie sammeln es mit Wasserkanistern auf, um etwas für den täglichen Gebrauch zu haben. In den Trockenzeiten müssen sie auf Brunnen zurückgreifen. Wenn keiner in der Nähe steht, legen die Mädchen und Frauen einer Familie weite Strecken zurück, um Wasser zu besorgen. Eine Aufgabe, die teilweise mehrere Stunden am Tag in Anspruch nimmt.

Es gibt zwei Sorten Brunnen in Äthiopien: solche, die mit einer Handpumpe betrieben werden und somit nicht tief in die Erde reichen. Das Wasser, das auf diese Weise gefördert wird, ist noch oft dreckig und daher mit Keimen belastet. Die zweite Brunnenart ist eine, die mit einem Dieselmotor Wasser aus tieferen Erdschichten beziehen kann. Diesel ist teuer und schwierig zu beschaffen, und man braucht alle drei bis vier Tage Nachschub. "Das Problem in Äthiopien ist nicht, dass kein Wasser vorhanden wäre, sondern, dass die Wasserquellen nicht zuverlässig sind", sagt Peter Hoffenbach, Vorstandsmitglied der Antonia-Ruut-Stiftung aus Trier.

Peter Hoffenbach war früher Banker in Luxemburg und hat das Geld seiner Kunden verwaltet. Einer von diesen war Gustav Ruut, ein Stoffhändller, der mit seinem beträchtlichen Vermögen eine Stiftung gründete, benannt nach seiner toten Frau. Zusammen mit seinem Kollegen aus Luxemburg, Peter Mischo, verwaltet Hoffenbach immer noch das Geld des Stoffhändlers. Allerdings für den guten Zweck. Als Stiftung dürfen sie nur die Zinsen des Vermögens für ihre Arbeit einsetzen, um größere Projekte wie die Brunnen in Äthiopien finanzieren zu können, arbeiten sie deshalb mit anderen Geldgebern zusammen. Wie den Lions, zu denen Werner Abriß gehört.

Hoffenbach und Mischo waren schon im Sommer in Äthiopien, wenn es so trocken ist, dass die Erde aufreißt, und in der Regenzeit, in der Frauen und Kinder Wasser vorsichtig aus Pfützen schöpfen. Sie kennen das Land und die Leute und wissen um die vielfältigen Probleme vor Ort. Allen voran das größte Problem: Wie bekommt man zuverlässig Wasser?

Die Antonia-Ruut-Stiftung hat für dieses Problem eine simple Lösung. Sie hat eine neue Brunnenart entwickelt, die mit Solarenergie betrieben wird.

Solarpanele sammeln tagsüber Energie, die Pumpe läuft und fördert Wasser in einen Tank, aus dem Brunnenwärter das Wasser an einer Ausgabestelle verteilen können. "Wir verkaufen das Wasser zu einem sehr angemessenen Preis, den die Menschen vor Ort zahlen können und auch bereit sind, zu zahlen. Die Einnahmen ermöglichen es uns, Brunnenwärter zu bezahlen und Arbeitsplätze in der Region zu sichern", sagt Hoffenbach. Einer von vielen Nebeneffekten, den Hoffenbach und Mischo gar nicht mitbedacht hatten: "Aus der Anfangsidee, Wasser in eine Region zu bringen, hat sich viel mehr entwickelt." Werner Abriß wirft sich den rot-weiß-schwarzen Blazer um, den die Einwohner zum Dank genäht haben. Es sind die Farben des Gebiets, in dem der Brunnen steht, den er und seine Kollegen mitfinanziert haben. Die Menschen im Festzelt klatschen. Sie sind froh, ihre Dankbarkeit ausdrücken zu können. Der Brunnen hat ihr Leben nicht nur verbessert, sondern verändert.

Sauberes Wasser bedeutet, dass Frauen und Kinder mehr Zeit haben, um zu lernen, die Schule zu besuchen oder mehr Geld zu verdienen. Dass Felder in Dürrezeiten bewässert und Tiere getränkt werden können. Dass sie kein Wasser aus Pfützen sammeln müssen. Dass Kinder und Alte, aber auch Erwachsene, seltener krank werden.

In der Nähe des Brunnens klafft ein riesiges Loch im Boden, es ist mit Regenwasser gefüllt. Das Wasser ist braun, Äste schwimmen darin, Insekten tanzen darauf. Vor dem Brunnen wäre dies eine Wasserquelle für die Menschen der Umgebung gewesen. Vielleicht hätten sie es vor dem Trinken durch ein T-Shirt gefiltert, vor Keimen und Bakterien hätte dies nicht geschützt. Werner Abriß schüttelt den Kopf, das hat er in den Tagen in Äthiopien öfter getan.

"Nicht trinken ist eben keine Option", sagt Peter Hoffenbach. So einfach ist es: Wenn kein sauberes Wasser da ist, muss man eben schmutziges trinken. Beziehungsweise: musste. Seitdem die Brunnen aus Trier dort stehen hat sich vieles verändert. Mit Wasser beginnt eben alles, sagt Hoffenbach.

Fotos, Videos, Interviews und weitere Infos in unserer Multimedia-Reportage auf: Special zum Thema
Wasser für Kamerun

Der Verein zur Trinkwasserförderung in Kamerun hat im Dezember eine Trinkwasseranlage in Baminda eröffnet, der Hauptstadt der nordwestlichen Region von Kamerun. Die Anlage versorgt mehrere Schulen und Einrichtungen mit Wasser von nahezu deutschem Qualitätsstandard. Für die Anlage werden alte Filtersysteme aus der Wasseranlage in Trier-Irsch benutzt. "2011 haben wir die Anlage in Irsch modernisiert, die alten Filter waren aber noch voll funktionsfähig," sagt Lambert Akongha (41), Vorstandsmitglied des Vereins und Mitarbeiter der SWT Trier. Der gebürtige Kameruner, der seit 1999 in Trier lebt, weiß um den Bedarf in Kamerun. "Da kam die Idee, die Teile dort wiederzuverwerten." Sie gründeten den Verein, der zu einem großen Teil aus SWT-Wasserexperten besteht. Vier Jahre dauerte es die Anlage vor Ort zu installieren. Seit Dezember 2015 läuft sie. In Kamerum muss sie ohne Strom funktionieren, durch den natürlichen Wasserdruck läuft sie mit null Emissionen. Pro Stunde werden 30 Kubikmeter Flusswasser durch die Anlage gefiltert und mit Chlor aufbereitet. sbraIm Gespräch

"Die Brunnen bringen eine Entwicklung von innen heraus"
Interview mit Stiftungsvorstand Peter Hoffenbach

Wie hat sich das Brunnenprojekt entwickelt?
Peter Hoffenbach: Wir haben festgestellt, dass alles mit Wasser startet und sich daraus ganz viele Bereiche entwickeln: Energie, Nahrung, Hygiene. Ein Projekt, das sich anfangs nur um Wasser gedreht hat, ist so zu einem großen Projekt geworden, das verschiedenste Bereiche umfasst, die aufeinander aufbauen und sich auch ergänzen.

Was bedeuten die Brunnen für das Leben der Menschen?
Hoffenbach: Sie nehmen großen Einfluss auf das tägliche Leben. Normalerweise ist das Besorgen von Wasser eine Aufgabe der Frau oder eines Mädchens in einer Familie. Wenn die Frau vier oder fünf Stunden lang einen Weg gehen muss, um an irgendeiner Quelle Wasser fragwürdiger Qualität zu holen, muss dafür viel an Zeit aufgewendet werden. Wenn sie jetzt in der Nähe sauberes Wasser zuverlässig zur Verfügung hat, hat diese Frau pro Tag einige Stunden mehr zur Verfügung.

Das bringt enorme Ressourcen für die Familie, die anderweitig eingesetzt werden können. Die Zahl der Menschen, die zuverlässig Zugang zu sauberem Wasser haben, hat sich dramatisch verbessert, was Auswirkungen hat auf Gesundheit, Zeit und Einkommen.

Können Sie den positiven Einfluss der Brunnen an etwas festmachen?
Hoffenbach: Was ein guter Indikator ist, ist die Abgabe von Medikamenten gegen wasserbezogene Krankheiten. Diese Abgabe hat in den Gebieten um den Brunnen dramatisch abgenommen, was fürs Portemonnaie der Familie ein Gewinn ist. Etwas mehr Einkommen, um in der Hungerperiode, also zwei Monate, in denen es keine zuverlässige Nahrungsquelle gibt, etwas kaufen zu können, ist hier eine große Sache. Außerdem fallen die Familienmitglieder als Versorger nicht aus: Wenn der Vater mit einer Krankheit, die von schlechtem Wasser kommt, niederliegt, kann er nicht auf dem Feld arbeiten.

Welchen Einfluß nehmen die Brunnen auf eine Entwicklung des Landes?
Hoffenbach: Normalerweise wird das ‚bessere Leben' von der großen Stadt ins Land reingetragen. Jetzt entstehen an vielen kleinen Stellen im Land Kreise, die Zugang haben zu sauberem Wasser, Nahrung und Energie durch die Solarpanele des Brunnens, die beispielsweise auch ausreichten, um Handys aufzuladen. Die Brunnen bringen eine Entwicklung von innen heraus, die sich in die Regionen ausweitet. sbra
Äthiopien - Ein Land zwischen Sintflut und Dürre

 Ein Junge steht vor einem Loch, das mit Regenwasser gefüllt ist. Auch dies wäre früher eine Wasserquelle gewesen.
Ein Junge steht vor einem Loch, das mit Regenwasser gefüllt ist. Auch dies wäre früher eine Wasserquelle gewesen. Foto: Stefanie Braun
Ausland: "Nicht trinken ist keine Option" - Eine Trierer Stiftung baut Brunnen in Äthiopien - und verhilft so dem Land zum Aufschwung
Foto: Stefanie Braun
 Drei Flaschen mit Wasser auf dem Tisch, aus jeder davon würden die Menschen in Äthiopien trinken - doch nur ein Wasser ist wirklich genießbar: das aus dem Trierer Brunnen (Mitte).
Drei Flaschen mit Wasser auf dem Tisch, aus jeder davon würden die Menschen in Äthiopien trinken - doch nur ein Wasser ist wirklich genießbar: das aus dem Trierer Brunnen (Mitte). Foto: Stefanie Braun

Äthiopien ist ein Land, das von seinen Wetterphänomenen gezeichnet ist. Vielleicht sogar mehr als andere Länder, weil es nur zwei verschiedene Wetter gibt: Regenzeiten mit täglichen starken Regenfällen und Trockenzeiten, in denen gar kein Regen fällt. Es gibt zwei Regenzeiten im Jahr: eine große zwischen Mitte Juni und September und eine kleine zwischen Februar und März. Das Leben der Bevölkerung hat sich komplett auf diese Zeiten ausgerichtet. Aussaat- und Erntezeiten werden durch den Wechsel von Regen- auf Trockenzeiten bestimmt.

Durch den Klimawandel verschieben sich diese jedoch zusehends. Im Jahr 2015 blieben in großen Teilen des Landes Regenfälle aus, welche auf das Wetterphänomen El Niño zurückgehen. Die unregelmäßigen Regenfälle und die damit verbundenen Ernteausfälle hätten die Ernährungssituation in Äthiopien verschlechtert, heißt es vom Auswärtigen Amt in Berlin.

Ein Großteil der Landbevölkerung lebe von Viehzucht und Landwirtschaft. Außerhalb von der Hauptstadt Addis Abeba ist die Infrastruktur nur unzureichend bis gar nicht vorhanden. Ihr Ausbau sei ein vorrangiges Ziel der äthiopischen Regierung.

Die Landbevölkerung versorge sich größtenteils autonom mit Wasser und nutze dabei oft herkömmliche Brunnen. Dabei würden oft lange Fußmärsche zurückgelegt. In Äthiopien leben laut Auswärtigem Amt 99,3 Millionen Menschen, davon 3,6 Millionen allein in der Hauptstadt. sbra

Fotos, Videos, Interviews und weitere Infos in unserer Multimedia-Reportage auf: Special zum Thema