Nicht während der Mahlzeiten zu lesen

Nicht während der Mahlzeiten zu lesen

KÖLN. Kaum hat der "Dschungel-König" Costa Cordalis geduscht und Lisa Fitz die Maden verdaut, die sie schlucken musste, kündigt RTL ein neues Extremformat an. Bezeichnender Name: "Angstfaktor".

Schädelbrüche gab es bisher nur zwei; die Knock-out-Fälle halten sich mit neun ebenfalls im einstelligen Bereich. Und was sind schon 41 gebrochene Rippen und 35 Gehirnerschütterungen gegen jede Menge Spaß? Ganz zu schweigen von den läppischen Verletzungen im Gesicht (312) und den aufgeschürften Schienbeinen (282)? Das sowie noch ein paar blaue Augen und ausgerenkte Kinnladen ist die vorläufige Unfallbilanz bei der japanischen Abenteuershow "Takeshi‘s Castle", in der die Teilnehmer unter vollem Körpereinsatz Aufgaben bewältigen müssen, für die Regisseure in Action-Filmen auf ausgebildete Stuntmänner und -frauen zurückgreifen, die sie für ihren Einsatz mit exorbitanten Summen versichern. "No risk, no fun" (kein Spaß ohne Risiko) lautet eine zynische Unterhaltungsformel, die immer mehr zum Maß aller Lustbarkeiten zu werden scheint.Freilich: Hätten die alten Römer Englisch gekonnt, dann wäre der Slogan bestimmt über den Eingang des Kolosseums genagelt worden. Gladiatorenkämpfe und Löwenmahlzeiten mit Christen-Ragout zeugten auch nicht gerade von einer Hochkultur der Sitten. Erschwerend kam hinzu, dass die Opfer meistens keine Freiwilligen, sondern Freiwild waren, das vor tausenden johlenden Zuschauern erlegt wurde. Man sieht: Sich am Unglück anderer zu weiden, ist ein sowohl durch die Jahrhunderte als auch über die Kontinente hinweg weit verbreiteter menschlicher Charakterzug, der den Prozess der Zivilisation mühelos überstanden hat. Zwar gibt es nur in der deutschen Sprache dafür den zutreffenden Begriff "Schadenfreude"; dass es in anderen Idiomen an einer ebenso griffigen Formulierung fehlt, bedeutet jedoch keineswegs, dass Koreanern, Finnen oder Chilenen derlei Gefühle unbekannt seien.Nun waren auch in der Vergangenheit manche Fernsehshows nicht zimperlich, wenn es darum ging, Kandidaten auf den Prüfstand zu schicken. Immer gern zitiert wird das Beispiel vom Wagen, der in einer Folge von "Wünsch dir was" samt Insassen in einem Becken versenkt wurde. Bestimmt nichts für klaustrophobisch veranlagte Menschen. Aber um aus dieser Zwangslage herauszukommen, musste man keinen Seelenstriptease vor Millionen vorführen oder brechreiz-stimulierende Aufgaben lösen; da reichten ein kühler Kopf und Geschicklichkeit aus, um wieder durchatmen zu können.Was sich von anderen Formaten, die derzeit in einigen Ländern auf Privatkanälen ausgestrahlt werden und möglicherweise auch den Weg nach Deutschland finden, gewiss nicht sagen lässt. Eine Show ist bereits gekauft, und zwar von RTL: "Fear Factor", so der Originaltitel, wird dem Vernehmen nach die Toleranzschwelle der Zuschauer und die Grenze der Unappetitlichkeiten noch weiter ausdehnen. In Amerika läuft der Angstfaktor seit Monaten mit Erfolg. Bezeichnenderweise ist ein Teilnehmer aus Australien, der für das US-Fernsehen ausgewählt wurde, stolz darauf, bisher als einziger Kandidat vor laufender Kamera nicht gekotzt zu haben. Sean Cashman, so der Name des Mannes mit fest verschließbarem Magenpförtner, hat sich diesen Prüfungen unterzogen, um "meinen Horizont zu erweitern".Wenn Regenwürmer zum Ehekrach führen

Besonders perfide wird es, wenn Ehepaare sich gemeinsam dem Angstfaktor aussetzen, ebenfalls in Amerika. Weil ihr Mann es nicht schaffte, sich windende Würmer und gegarte Geschlechtsteile (von Tieren) bei sich zu behalten, kam es im Studio zu lautstarkem Ehekrach und tätlichen Auseinandersetzungen. Immerhin ging es um eine Million Dollar, auf die das Ehepaar verzichten musste.Geradezu menschenfreundlich muten da Prüfungen an, bei denen Kandidaten an Hubschraubern hängend über Schluchten geflogen werden oder auf dem Fahrrad über Stahlträger in dreißig Meter Höhe balancieren müssen. Da bricht man sich schlimmstenfalls ein Bein, was immer noch heldenhafter aussieht, als im eigenen Mageninhalt zu liegen. Der private französische Fernsehsender TVA, der den "Fear Factor" seit diesem Winter als "La loi de la peur" im Programm hat, kündigte vorsichtshalber an, nur eine entschärfte Version des Formats auszustrahlen. Man darf gespannt sein, wie weit RTL gehen wird beziehungsweise muss, um die Einschaltquoten seiner Dschungel-Show zu toppen.Ähnlich Unappetitliches wie auf amerikanischen Bildschirmen gibt es auch in Spanien zu sehen. Dort heißt eine Sendung "Gente con Chispa", was etwa soviel bedeutet wie Menschen mit Köpfchen. Daran darf allerdings gezweifelt werden, müssen diese Geistesarbeiter doch mit verbundenen Augen beispielsweise blutige Innereien oder haarige Spinnen betasten und erraten, um was es sich handelt. Helfen ihnen die Finger nicht weiter, sind die Geschmacksnerven gefragt. Dass die Sendung lediglich im Regionalfernsehen ausgestrahlt wird, nimmt ihr nur wenig von ihrem zweifelhaften Charme.Zurück nach Japan. Das Land der aufgehenden Sonne wartet nämlich mit mehr Amüsement als riskanten Burgenspielen auf. Die so sehr auf Höflichkeit und Gesichtswahrung bedachten Menschen aus Fernost lassen offenbar von Zeit zu Zeit gern die Sau 'raus, um es programmniveau-gemäß zu formulieren. Großer Beliebtheit erfreuen sich dort die "Variety Shows", sozusagen bunte Abende für Volljährige. Da wurde zum Beispiel ein Schwarzafrikaner nackt unter eine Sonnenbank gelegt, um zu sehen, ob auch dunkelhäutige Menschen braun werden. Frauen wirbeln wie Derwische herum, damit die Kamera ihnen unter den Rock schauen kann, und der Moderator lässt schon mal die Hosen fallen und schnallt sich einen Riesenphallus um. Nun gut, das kennt man aus der griechischen Komödie, ist also Kultur.Abgesetzt werden musste jedoch jener Teil der Show, der "Nippons Töchter saufen um die Wette" lautete. Nachdem mehrere Mädels mit akuten Alkoholvergiftungen auf der Intensivstation gelandet waren, entschlossen sich die Programmverantwortlichen, auf dieses Unterhaltungssegment fortan zu verzichten.