Nicht zu begreifen

Wenn an Demenz erkrankte Menschen den Tod des Partners miterleben müssen oder wenn sie selbst auf die letzte Lebensphase zugehen, dann entstehen oft schwierige Situationen. Denn sie können das "Phänomen Tod" meist nicht mehr verstehen.

Thomas Schildtauer (links) und Michael Werhan (rechts), beide Mitarbeiter des Trierischen Volksfreunds, sammelten mit vielen Kollegen und Mitarbeitern des Demenzzentrums am Samstag in der Trierer Innenstadt für die Aktion „Vergissmeinnicht“. Vor den Kaufhof-Filialen klapperten die Spendenbüchsen, die am Ende mit rund 1800 Euro gefüllt waren. TV-Foto: Hans Krämer

Trier. Bis heute weiß Brigitte Brenner (Namen Betroffener geändert) nicht, ob ihre demenzkranke Mutter die schwere Krebs-Erkrankung des Vaters verdrängt hatte, oder ob sie einfach nicht erfassen konnte, wie schlecht es ihm ging. Oft ging sie an sein Krankenbett, schüttelte ihn und versuchte ihn zum Aufstehen zu bewegen. Oder sie kochte ihm eine Suppe - "dann geht's dir wieder gut". Fürsorge, die für den Kranken leicht hätte zur Gefährdung werden können.

Als es mit dem Vater zu Ende ging, brachte man die Mutter in der Tagespflege unter. Es ging nicht anders, dem Sterbenden zuliebe. "Aber diese Entscheidung macht mir noch heute zu schaffen", sagt Brigitte Brenner nach fast zwei Jahren, "ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht doch hätte dabei sein sollen".

Die Familie habe richtig gehandelt, meint Ruth Krell vom Hospizverein Trier, die Sterbende und ihre Angehörigen betreut. Demenzkranke seien meist gar nicht in der Lage, einen abstrakten Vorgang wie den Tod vom Kopf her zu begreifen. Es habe auch wenig Sinn, sie auf das mögliche Sterben eines nahen Menschen vorzubereiten. Erst der buchstäbliche Kontakt mit dem Toten ermögliche ihnen, den Vorgang zumindest emotional zu erfassen.

Deshalb sei es wichtig, ein Abschiednehmen an Ort und Stelle zuzulassen. Wie bei den Brenners, wo man die Mutter dazuholte, nachdem die anderen Familienmitglieder in Ruhe hatten Abschied nehmen können.

Ihre Mutter habe versucht, den Vater wiederzubeleben, den Tod nicht akzeptieren wollen, erinnert sich Brigitte Brenner. "Ich kriege das wieder hin", habe sie gesagt. Ruth Krell rät dazu, die Demenzkranke gewähren zu lassen, auch wenn sie sich, wie Krell es in einem anderen Fall erlebt hat, stundenlang neben den Verstorbenen ins Bett legt. Versuche man, einen an Demenz erkrankten Menschen komplett vom Tod etwa des Lebenspartners fernzuhalten, könne das fatale Folgen haben: "Die suchen dann jahrelang nach ihm". Die erfahrene Hospizschwester empfiehlt sogar, ein Foto von dem aufgebahrten Toten zu machen, damit der Vorgang für den Demenzkranken wenigstens optisch nachvollziehbar bleibt.

Dass ihr Mann tot ist, vergisst Brigitte Brenners Mutter immer wieder. Dann wartet sie abends, dass er nach Hause kommt. Oder sie steht mit ihrer Familie auf dem Friedhof, bricht in Tränen aus und beklagt, dass ihr keiner was erzählt habe. Aber dann gibt es auch wieder abrupte Stimmungswechsel ins Leichte, fast wie bei einem Kind.

Wie an Demenz erkrankte Menschen mit dem nahenden eigenen Tod umgehen, ist ein recht unerforschtes Gebiet. "Da werden wir sehr selten hinzugezogen", berichtet Ruth Krell. Vielleicht ist es für die Betroffenen in diesem Fall ein Glück, dass sie Zusammenhänge nicht mehr begreifen.

Dennoch gibt es auch bei Demenzkranken eine spirituelle Ebene, wenn es um das Thema Tod geht. "Gott geht auch mit diesen Menschen seinen Weg", sagt Pfarrer Hermann Josef Reckenthäler, der als Krankenhaus-Seelsorger im Mutterhaus viele Sterbende begleitet hat.

Selbst Menschen, die den Namen ihrer Kinder nicht mehr kannten, seien oft noch in der Lage gewesen, ein Vaterunser textfest mit ihm zu beten. "Die wurden dann ganz ruhig", erinnert sich Reckenthäler. Aber kann jemand, der keine Erinnerung hat, überhaupt mit Gott kommunizieren? "Ich glaube, da gibt es Wege, die wir nicht nachvollziehen können und die sich der Außenwahrnehmung entziehen". Auch Reckenthälers Kollege Pater Jensch von den Barmherzigen Brüdern sieht bei Demenzkranken "eine Glaubensbeziehung, die sich zwar verändert, die aber bleibt".

Die Hospizvereine der Region arbeiten eng mit Beratungsstellen wie dem Demenzzentrum zusammen. Sie stehen mit Rat und Tat jederzeit zur Verfügung.