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"Niemand weiß, wie viele noch kommen" - Caritas International-Chef sieht aber keine Gefahr einer Völkerwanderung aus Afrika

"Niemand weiß, wie viele noch kommen" - Caritas International-Chef sieht aber keine Gefahr einer Völkerwanderung aus Afrika

Anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Caritas im Bistum Trier hatte der Regionalverband Trier Oliver Müller als Referenten eingeladen. Mit dem Leiter von Caritas international sprach TV-Redakteur Rainer Neubert.

Herr Müller, Sie sind regelmäßig in Afrika unterwegs. Wie groß ist die Gefahr einer neuen Völkerwanderung von dort?
Müller: Es stimmt nicht, dass halb Afrika auf gepackten Koffern sitzt. Wichtig ist der Blick auf die einzelnen Länder. Menschen fliehen aus Regionen, in denen Unfreiheit herrscht, wie zum Beispiel Eritrea. Sie kommen aus den sogenannten failed states wie Somalia, in denen das totale Chaos herrscht. Und sie fliehen aus wirtschaftlich sehr schwachen Regionen wie Westafrika. Migration über Ländergrenzen hinweg hat in Afrika Tradition. In Zeiten der Globalisierung suchen mehr Menschen ihr Heil in Europa. Letztlich weiß niemand, wie viele noch kommen.

Muss in Europa das gängige Bild von Afrika revidiert werden?
Müller: Man muss auf die unterschiedlichen Regionen schauen. Es gibt auch Staaten, die sich wirtschaftlich positiv entwickelt haben. Äthiopien zum Beispiel. Rückschläge bleiben dort zwar nicht aus. Aber die letzte Dürre haben die Menschen wesentlich besser bewältigt, als es vor Jahren möglich gewesen wäre.

Also falscher Alarm in der Festung Europa?
Müller: Kleine Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa gibt es. Aber man darf nicht vergessen, dass weltweit die meisten Vertriebenen ins jeweilige Nachbarland gehen und dort ausharren, bis sie wieder zurück können. Dreiviertel aller Vertriebenen halten sich in Entwicklungsländern auf. Im Osten von Tansania sitzen 150 000 oder 200 000 Flüchtlinge aus Burundi. Im Ostkongo gibt es drei bis vier Millionen Flüchtlinge wegen des Bürgerkriegs. Diese Menschen kommen nicht alle hierher.

Fundamentalismus und Terrorismus sind in einigen afrikanischen Ländern ein Problem - oder?
Müller: Das ist tatsächlich besorgniserregend. In der Sahel-Zone befinden sich weite Gebiete unter Kontrolle verschiedener Gruppen. Aber das ist - mit der Ausnahme Somalia - nicht die Ursache für große Fluchtbewegungen nach Europa. In der kenianischen Wüste gibt es das größte Flüchtlingscamp weltweit: DaDaab existiert seit 25 Jahren. Dort leben über 400 000 Menschen - Somalier, die nicht mehr zurück, aber auch nirgendwo anders hin können. Dass diese Menschen nach Perspektiven suchen, liegt auf der Hand.

Aktivisten wie der emeritierte Trierer Johannes Michael Nebe kritisieren, Entwicklungshilfe habe häufig einen falschen Ansatz.
Müller: Es gibt ganz unterschiedliche Konzepte für Entwicklungshilfe. Die Spannweite reicht von sinnvollen regionalen Projekten bis zu Großprojekten, die man in Zweifel ziehen kann.

Es stimmt also, dass Hilfe oft nicht koordiniert geschieht?
Müller: Eine pauschale Kritik ist nicht gerechtfertigt. Natürlich stehen hinter staatlicher Entwicklungshilfe auch wirtschaftliche Interessen. Aber für Deutschland kann man sagen, dass sich vieles zum Positiven entwickelt hat. r.n.

Bedeutet Licht dann grundsätzlich die Hilfe zur Selbsthilfe?
Müller: Es müssen immer zwei Aspekte bedacht werden: Da ist die Entwicklungshilfe selbst, die möglichst weit an der Basis ansetzen muss. Das geht es zum Beispiel darum, den Kleinbauern zu helfen, mit einfachen Methoden ihr Überleben zu sichern. Dem gegenüber steht die Gesamtwirtschaft. Der Betrag der Entwicklungshilfe, auch wenn es um Milliarden geht, ist ein winziger Bereich im Vergleich zur Wirtschaftspolitik.

Was meinen Sie damit?
Müller: Am Beispiel Westafrika lässt sich das gut beschreiben. Zum Beispiel Senegal. Da ist Entwicklungshilfe wichtig, aber wenn dort die Fischer arbeitslos werden, weil ihr eigenes Land die Fanggründe an die EU verpachtet hat, dann ist das ein Aspekt, der Entwicklung per se einschränkt. Wenn in Europa tiefgefrorene Resthühnerteile nach Westafrika verkauft werden, dann macht das dort die lokale Industrie kaputt. Entwicklungspolitik ist sehr wichtig, weil sie Millionen von Menschen eine Perspektive bieten kann. Ohne faire Wirtschaftsbedingungen wird sie aber nicht erfolgreich sein können.

Also geht es letztlich ums Geld?
Müller: Was Migranten weltweit an die Menschen in ihrer Heimat überweisen, ist das Dreifache der gesamten internationalen Entwicklungshilfe. Je basisnäher die Hilfe ist, desto mehr kann sie mit wenigen Mitteln machen. Das ist das Faszinierende. Es geht darum, nah dran zu sein, Zeit zu haben und die Probleme der Menschen vor Ort zu kennen. Wir können als Caritas international eine ganze Menge bewegen. Aber wir müssen auch unsere Grenzen sehen. Letztlich trägt die Hilfe in Afrika aber dazu bei, Flucht und Radikalisierung zu verhindern.
Extra

Oliver Müller ist Leiter von Caritas international, dem Katastrophenhilfswerk des Deutschen Caritasverbands. Der promovierte Theologe und Politikwissenschaftler ist verantwortlich für die von Caritas international weltweit organisierten Nothilfen und Entwicklungsprojekte in mehr als 60 Ländern. r.n.