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Nix wie weg - auch aus Deutschlands Osten

Nix wie weg - auch aus Deutschlands Osten

Das Flüchtlingsproblem ist zumindest in den ostdeutschen Ländern nicht ganz so dramatisch, wie manche tun. Der Grund: Von den dorthin verteilten Asylbewerbern bleiben viele nicht lange. Sie ziehen weiter, oft auf eigene Faust. Die Schätzungen reichen bis 30 Prozent. Das ergab eine Recherche unserer Zeitung.

Berlin. Viele Flüchtlinge, die nach der Verteilung in den ostdeutschen Bundesländern landen, bleiben nicht dort - sondern bewegen sich rasch weiter. So kamen in diesem Jahr 30 321 Flüchtlinge nach Brandenburg. Aber nur 24 656 wurden dort tatsächlich untergebracht, also 20 Prozent weniger, als angekommen waren. Etwa 6000 Flüchtlinge sind "einfach verschwunden", wie ein Regierungsvertreter auf Anfrage sagte. Vermutlich nach Berlin."Individuelle Abreise"


"Individuelle Abreisen" ist der offizielle Begriff. Nach Sachsen-Anhalt kamen bis Anfang Dezember 36 411 Personen, doch gingen viele gleich wieder, so dass es nur zu 32 620 tatsächlichen Aufnahmen kam. Überall ziehen die Metropolen die Flüchtlinge an, weil diese hoffen, dort mehr Hilfe zu bekommen. Und auf dem flachen Land fühlen sie sich nicht wohl, zumal sie dort manchmal von Rechtsextremen angegriffen werden. Ein Teil macht sich auch auf den Weg nach Skandinavien oder in die Niederlande. Manchmal, schildert man im sächsischen Innenministerium, stehen Bekannte und Angehörige schon bei der Ankunft neuer Flüchtlinge vor den Erstaufnahmelagern und nehmen sie gleich mit. Verboten ist das bisher nicht.
In Sachsen wurden rund 45 000 Flüchtlinge aufgenommen. Auch hier heißt es, dass viele auf eigene Faust die Lager verlassen. Ein Sprecher schätzt den Anteil auf bis zu 30 Prozent. Genaue Zahlen habe man jedoch nicht. Auch aus Thüringen - bis vorgestern 26 917 registrierte Flüchtlinge - gibt es massenhaft Abgänge. 20 bis 30 Prozent seien weg, sagte der Sprecher der zuständigen Migrationsbehörde.
Die Entwicklung ist auch deshalb problematisch, weil die neuen Länder ohnehin schon ihre Quoten nach dem Königsteiner Schlüssel nicht erfüllen. Jetzt stellt sich heraus: Es kommen nicht nur weniger, ein Teil bleibt auch nicht lange. Die anderen Länder müssen gleichzeitig umso mehr Flüchtlinge versorgen. Die Flüchtlinge bevorzugen inzwischen ganz bestimmte Regionen in Deutschland für ihren dauerhaften Aufenthalt nach der Erstaufnahme. Das geht aus Karten der Bundesagentur für Arbeit hervor. Die Hälfte der registrierten erwerbsfähigen Personen aus den acht wichtigsten Herkunftsländern lebte demnach im Oktober in nur 33 von 403 Landkreisen, fast alle im Westen und Nordwesten. Die beliebtesten Wohnorte sind demnach das Saarland, die Rhein-Main-Region und weitere Teile Hessens, Nordrhein-Westfalen mit den Schwerpunkten Köln/Bonn, Ruhrgebiet und Ostwestfalen, der Großraum Hannover, Bremen und der Großraum Hamburg. Dazu noch Berlin. In diesen Regionen liegt der Anteil der bei der Bundesagentur registrierten Flüchtlinge deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 26 je 10 000 Einwohner, teilweise bis zu 92. Außer einigen Großstädten wie München, Nürnberg oder Stuttgart ist der gesamte Osten, Süden und Südwesten deutlich unterdurchschnittlich gefragt.
Auch die einzelnen Nationalitäten haben Schwerpunktregionen. So ziehen fast alle Afghanen in den Großraum Hamburg, nach Hannover und ins Rhein-Main-Gebiet. Die Syrer gehen überwiegend nach Ostwestfalen, Bremen, in das Ruhrgebiet, das Saarland und in die Eifel. Iraker sind am häufigsten in Bielefeld, Oldenburg/Delmenhorst, Hannover und in süddeutschen Großstädten zu finden. Hintergrund: Viele Flüchtlinge wollen bevorzugt dorthin, wo schon Landsleute sind.Extra

Die Welt steuert laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in diesem Jahr auf einen neuen Flüchtlingsrekord zu. Die weltweite Anzahl an Flüchtlingen erreichte Mitte 2015 insgesamt 20,2 Millionen Menschen. Das gab das Flüchtlingshilfswerk in seinem Halbjahresbericht am Freitag bekannt. Damit sei erstmals seit 1992 die 20-Millionen-Marke überstiegen worden. Zudem habe sich die Zahl der Binnenvertriebenen um zwei Millionen auf geschätzte 34 Millionen Menschen vergrößert. Aufgrund dieser Zahlen stehe zu befürchten, dass 2015 erstmals weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht seien. Einer von 122 Menschen weltweit wäre demnach Flüchtling, Asylsuchender oder innerhalb seines Heimatlandes auf der Flucht. dpa