No Angie, no cry

Wenn Elefanten Hochzeit feiern, stehen in Jamaika die Ampeln auf Rot. Nie ist nach einer Wahl so viel gelabert und salbadert worden. Wer mit wem oder nicht oder doch!? Es schlägt die Stunde der Textschwurbeln: semantische Purzelbäume zuhauf, Sprechblasen, Schwammwörter, Plastikgeschwätz. Vor allem der Politikus gönnt sich der Rede Vollgenuss, reimte einst Wilhelm Busch.

Wenn Elefanten Hochzeit feiern, stehen in Jamaika die Ampeln auf Rot. Nie ist nach einer Wahl so viel gelabert und salbadert worden. Wer mit wem oder nicht oder doch!? Es schlägt die Stunde der Textschwurbeln: semantische Purzelbäume zuhauf, Sprechblasen, Schwammwörter, Plastikgeschwätz. Vor allem der Politikus gönnt sich der Rede Vollgenuss, reimte einst Wilhelm Busch.Noch gibt es keine Regierung, die das Land aus der Krise führen könnte. Die Sprache aber, in der das Ereignis besungen wird, zeugt von einer großen Sehnsucht: 'raus aus der Trübnis, nix wie weg auf die Insel.

Das Modewort heißt "Jamaika", wahlweise auch "Jamaika-Ampel". Erfunden von Journalisten, die für das Undenkbare eine einprägsame Vokabel suchten. Grün ist das Land, gelb ist der Sonnenschein, schwarz ist die Armut. Das sind die Farben des Karibik-Eilands, und das wären die Farben einer möglichen Koalition. Schwarz wie die Union, gelb wie die Liberalen, grün wie Joschkas Hoffnung. Banausen sprechen von der "Schwarzen Ampel", kurz "Schwampel". Klingt eklig. Wie eine Verheißung dagegen: Jamaika! Bacardi-Feeling, entspannter Reggae-Rhythmus, die Leitkultur der Dreadlocks tragenden, ewig bekifften Rastafari - da gerät sogar der Stoiber Edi ins Schwärmen. High-sein ist das eine, nüchterne Bürokratie das andere. Lichtzeichenanlagen, in gepflegtem Amtsdeutsch auch Lichtsignalanlagen genannt, vom Volksmund schlicht Ampel, dienen der Steuerung des Verkehrs. Sie sorgen dafür, dass alles fließt, wunderbar geregelt und sicher - wenn Gefahr im Verzug ist, wenn ein Engpass dräut, wenn es sich staut und nichts vorankommt und jeder flucht und hadert. Ein Gefühl, das bleischwer auf der deutschen Seele lastet: stecken geblieben irgendwo im Nirgendwo, abgewürgt, unregierbar. Eine Ampel muss her, um die Verstopfung zu beseitigen, eine Ampel in den Farben Jamaikas! Nur - ist das reiflich bedacht? In Jamaika fährt man, wie in England, links, und in Kingston, der Hauptstadt, gibt's höchstens zwei Dutzend Lichtzeichenanlagen - die eh niemand beachtet. Jamaika und Ampel, das geht nicht zusammen, so wenig wie deutsche Realpolitik und karibische Leichtigkeit des Seins. Im wirklichen Leben verabreden sich zwei Elefanten, der eine rot, der andere schwarz, zu einer Ehe auf Zeit. Nur manchmal, da träumt der Stoiber Edi wie dazumal die Reggae-Ikone Bob Marley: No Angie, no cry.

p.reinhart@volksfreund.de