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Noch einmal versammelt Johannes Rau alle um sich

Noch einmal versammelt Johannes Rau alle um sich

BERLIN. Nasskalter Wind umtost den Berliner Dom. Gegenüber liegt abrissbereit der Palast der Republik. Die schwarz gekleideten Gäste stapfen durch Schneematsch. Dies ist kein Tag, um einen sonnigen Menschen wie Johannes Rau unter die Erde zu bringen. Aber nun muss es sein.

Johannes Rau, der Menschen-fischer, Skatspieler, Anekdotenerzähler, versammelt alle noch einmal um sich. Fast die komplette Spitze Deutschlands folgt zweieinhalb Stunden lang der zurückhaltenden Prozedur. Der Dom ist kaum geschmückt. Nur vier Blumengestecke, Schleierkraut und weiße Rosen. Den Eichensarg umhüllt die Nationalfahne, auf zwei Samtkissen ruhen Raus Orden. Helmut Schmidt in der zweiten Reihe

Helmut Schmidt geht - auf seinen Stock gestützt - in die zweite Reihe, wo schon Annemarie Renger und Gerhard Schröder sitzen. Angela Merkel wird davor platziert, zusammen mit den Spitzen von Bundestag, Bundesrat und Präsidenten aus osteuropäischen Nachbarstaaten. Gregor Gysi sitzt neben Guido Westerwelle in einer Reihe mit Peter Struck und Claudia Roth. Joschka Fischer, der auch einen Platz im vorderen Teil gehabt hätte, nimmt einen Stuhl hinten am Eingang. Fast, als gehöre er nicht mehr dazu. Jahrzehnte deutscher Politik-Geschichte nehmen Platz, von 1958, als Johannes Rau zum ersten Mal in den Düsseldorfer Landtag einzog, bis heute. Man sieht Erhard Eppler und Journalist Friedrich Nowotny, Rita Süssmuth und Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog, Horst Ehmke und Shimon Stein, den israelischen Botschafter. Nur Helmut Kohl fehlt. Schließlich betritt Raus Witwe Christina an der Seite von Bundespräsident Horst Köhler den Dom. Sie macht einen gefassten Eindruck. Hinter ihr gehen die drei Kinder, die junge Erwachsene sind. Einer wie Rau, der Parteipolitiker durch und durch gewesen ist, 20 Jahre Ministerpräsident des größten Bundeslandes, sogar Kanzlerkandidat, der kann nicht nur Freunde haben. Doch heute ist von früherer Gegnerschaft nichts mehr zu spüren. Nur Trauer oder wenigstens Respekt. Man begrüßt sich kurz und ernst, es ist still. Der Domchor singt: "Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir." Horst Köhler redet als erster. Man merkt, dass der Bundespräsident kein enges Verhältnis zu Rau hatte. Deshalb erinnert der Nachfolger an die Stationen und Leistungen seines Vorgängers. An Raus Ansprache in der Knesseth. Zum ersten Mal redete im israelischen Parlament jemand auf Deutsch. An seine Bemühungen um die deutsch-polnischen Beziehungen. Rau, so erzählt Köhler, habe sich gewünscht, dass man rückblickend über ihn sagen solle, er habe die Menschen gemocht, und sie hätten diese Zuneigung erwidert. "Und so ist es gekommen", sagt der Bundespräsident kurz und eindrucksvoll zu diesem Zitat. Köhler schließt seine Rede mit dem Schlusssatz aus Ordensurkunden: "Johannes Rau hat sich um unser Vaterland verdient gemacht." Heinz Fischer, Osterreichs Bundespräsident, stand Rau privat nah. Fischer sagt, dass es keinen Trost gebe, wenn einer vor der Zeit sterben müsse, aber er wolle der Familie doch mit auf den Weg geben, dass Johannes Rau ein inhaltsreiches Leben gehabt habe. "Er hat seine Mission erfüllt". Hans-Jochen Vogel, der auf 40 Jahre gemeinsamer Arbeit in der SPD zurückblickt, spricht als letzter. Hans-Jochen Vogel berührt den Sarg

Der frühere SPD-Chef redet fest, souverän und leicht. Als sei er nicht gerade selbst 80 Jahre alt geworden. Fischer und Vogel haben Rau beide noch kurz vor seinem Tod gesehen. Sie berichten von einem Menschen, der deutlich von der Krankheit gezeichnet, aber geistig hellwach war. Am Ende sei er friedlich eingeschlafen im Kreis seiner Familie. "Leb wohl Johannes, du wirst mir stets gegenwärtig sein", sagt Vogel, bevor er die Treppen hinabsteigt, sich ganz nah vor den Sarg stellt und ihn kurz berührt. Es ist einer der wenigen Momente an diesem Tag, wo die Sachlichkeit der Zeremonie von offener Emotion überragt wird. Dann kommen die Soldaten der drei Waffengattungen und tragen den Sarg auf ihren Schultern langsam wiegend hinaus zum Leichenwagen. Noch einmal nimmt der verstorbene Bundespräsident die Ehrenparade der Bundeswehr ab, bevor sich die Kolonne durch den Wintersturm entfernt. Zum Grab unter einer alten Robinie auf dem Doro-theenstädtischen Friedhof in Berlins Mitte.