Nur die Illusion von Politik

Nach fast zehn Jahren hört Sabine Christiansen am Sonntag mit ihrer wöchentlichen Polit-Talkshow auf und übergibt an Anne Will. In sieben dieser zehn Jahre war Wolfgang Thierse (SPD) Bundestagspräsident und ärgerte sich manches Mal, dass die Sendung zum Ersatzparlament wurde. Warum, erläuterte der 64-Jährige unserem Korrespondenten Werner Kolhoff.

Berlin. (ko) Sie haben Ihren Politiker-Kollegen geraten, öfter mal eine Talkshow-Pause einzulegen. Weshalb?Thierse: Ich habe nichts gegen Talkshows wie Sabine Christiansen. Aber Politik ist dort nicht Gegenstand, sondern bloß Mittel zur Unterhaltung. Zu Recht heißt es Show. Wirkliche Politik findet in Parteien, Bürgerinitiativen und in den Parlamenten statt. Sie ist anstrengender.Was spricht dagegen, wenn Interessierte sich so informieren.Thierse: Nichts. Sie müssen nur wissen, dass es eine Illusion von Politik ist. Für eine sachliche, differenzierte Auseinandersetzung gibt es dort kaum eine Chance. Es geht um Schlagfertigkeit und die schnelle Pointe. In der Talkshow ist der politische Entertainer gefragt, im Parlament verantwortungsbewusste Volksvertreter.Sie wollen nicht im Ernst sagen, dass die Reden, die im Bundestag gehalten werden, eine differenzierte Auseinandersetzung sind?Thierse: Sie haben jedenfalls den Anspruch, die eigene Position differenziert und argumentationsstark darzustellen.Als Rot-Grün regierte, feierte Sabine Christiansen die höchsten Einschaltquoten. Wurde die Sendung da zum Ersatzparlament?Thierse: Friedrich Merz hat es lobend so genannt. Das nehme ich ihm durchaus übel. Christansen ist Show, der Bundestag Ernst. Das ist ein riesiger Unterschied. Hier geht es nicht um folgenlose Unterhaltung, sondern um die folgenreiche Entscheidung.Wie oft waren Sie bei ihr?Thierse: Drei oder vier Mal. Ich habe auch oft abgesagt.Warum?Thierse: Weil ich mich immer frage: Ist das ein Thema, wo ich etwas zu sagen habe? Ist es so wichtig, dass ich mich beteiligen sollte? Wie fanden Sie die Moderation von Sabine Christiansen? Thierse: Sie hatte die Neigung, Leute nicht aussprechen zu lassen. Sie wollte schnelles Tempo. Man konnte selten eine Argumentation zu Ende bringen. Wenn man das wollte, musste man kämpfen. Das führte dann schnell zu Geschrei in der Runde. Maybrit Illner lässt das Gespräch mehr laufen und hakt dann ein.Was sollte Anne Will anders machen?Thierse: Sie sollte thematisch Politik nicht verengen auf den tagesaktuellen Streit oder den personalisierbaren Skandal. Und sie sollte höchstens vier Gäste haben. Damit die Argumente angemessener zur Geltung kommen.