Nur Guido - von Passau bis Vilshofen

Der Aschermittwoch der Parteien dient traditionell dazu, eigene Verdienste ins rechte Licht zu rücken. In diesem Jahr wird das anders sein. Die Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle stehen im Mittelpunkt.

Berlin. Franz-Josef Strauß würde sich wohl im Grab umdrehen. Immer war der politische Aschermittwoch der Tag, an dem sich die CSU als die beste und bayerischste aller Parteien profilieren konnte. Aber in diesem Jahr steht eine ganz andere im Mittelpunkt: die FDP. Hier die Ausgangslage für die heutigen Veranstaltungen.

CSU: Westerwelles Wort von der "römischen Dekadenz" lädt geradezu dazu ein, sich als soziale Kraft in der schwarz-gelben Koalition zu profilieren. Horst Seehofer wird im Fernduell versuchen, damit zu punkten. Gestern schickte er schon seine Sozialministerin Christine Haderthauer vor, die dem FDP-Chef vorwarf, bei Hartz IV bloß "Getöse" zu veranstalten. In der Gesundheitsreform ist der CSU-Vorsitzende selbst auf Konfrontationskurs gegangen: "Völliger Nonsens" nannte er die FDP-Pläne kürzlich. Die CSU erzielte bei der Bundestagswahl nur noch 41 Prozent. Das und das Debakel um die Landesbank tut dem Vergnügen in der mit 3500 Anhängern wie immer ausgebuchten Dreiländerhalle in Passau etwas Abbruch. Außerdem hemmt die Tatsache, dass die Liberalen nicht nur im Bund, sondern auch in Bayern Koalitionspartner sind, ein wenig die Durchschlagskraft der Attacken. Der von Seehofer verdrängte frühere CSU-Chef Edmund Stoiber stilisierte die heutige Veranstaltung vorab maliziös schon zum "Schlüsseltermin" hoch.

FDP: Guido Westerwelle wollte wegen der schlechten Umfragewerte die Debatte über den Sozialstaat, und er hat sie. "Da wird er sie sicher jetzt nicht beenden", sagt sein Sprecher süffisant. Will heißen: Der Vorsitzende wird in Straubing nachlegen und in Richtung CSU zurückkeilen. Fraglich ist jedoch, ob der Vizekanzler sich bei der Gelegenheit auch kritisch über die Kanzlerin äußert.

Riesiges Interesse an weiteren Äußerungen



Das Interesse daran ist so groß, dass kurzfristig die Bestuhlung in der Joseph-von-Fraunhofer-Halle auf 700 aufgestockt werden musste. Allein 100 Journalisten haben sich angesagt, "so viel, wie sonst an Zuhörern insgesamt kamen". Merkel übrigens könnte, wenn sie wollte, auf eine Attacke antworten: Sie spricht abends in einem Tenniscenter im mecklenburgischen Demmin.

SPD: Für Sigmar Gabriel ist die heutige Rede im Wolferstetter Keller in Vilshofen seine persönliche Aschermittwochspremiere als SPD-Parteichef, weswegen er gestern vor Journalisten schon mal übte - ebenfalls am Objekt FDP. Angela Merkel sei eine "Biederfrau", die den "Brandstifter" Westerwelle mit ihrer Unterschrift unter den Koalitionsvertrag geradezu ins Haus eingeladen habe. "Und jetzt stapelt der die Benzinfässer unter dem Dach, von Kopfpauschale bis Hartz IV." Ob das zündet, müssen die erwarteten 700 Besucher entscheiden. Schon büttentauglicher ist da der Satz: "Die Bad Bank der FDP ist das Entwicklungshilfeministerium." Bei so viel Hauerei Richtung Liberale stellt sich die Frage, ob man sich bei der SPD immer noch vorstellen kann, mit denen eine Ampelkoalition zu bilden. Gabriels Antwort: "Mit dieser FDP kann man keine verantwortungsbewusste Regierung bilden. Das gelingt ja nicht mal der CDU."

Grüne: Wie die SPD haben auch die Grünen das Problem, dass die Oppositionsparteien kaum beachtet werden, wenn sich die Regierungsparteien untereinander prügeln. Die Öko-Truppe versucht es mit einer Doppelveranstaltung. Fraktionschefin Renate Künast redet in Biberach, Parteichef Cem Özdemir in den Bernlochner Sälen in Landshut.

Linke: Oskar Lafontaine tritt wie in den letzten Jahren am Aschermittwoch nur im Saarland auf. Da Gregor Gysi auf Auslandsreise ist, müssen bei der zentralen Aschermittwochskundgebung in Passau andere ran: der als neuer Parteichef vorgeschlagene frühere bayerische Gewerkschaftsfunktionär Klaus Ernst und die Abgeordnete Sahra Wagenknecht. Beide wollen sich "mit der wahren altrömischen Dekadenz beschäftigen, nämlich den Finanzjongleuren, Steuerhinterziehern und Parteigroßspendern". Und an wem wird das festgemacht? An Westerwelles FDP. Strauß, wie gesagt, würde sich im Grab umdrehen.

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