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Obama inszeniert den Kurswechsel als Schulterschluss

Obama inszeniert den Kurswechsel als Schulterschluss

Nach langer Prüfung ist US-Präsident Obama nun offenbar zu Luftangriffen gegen die IS-Terrormiliz in Syrien entschlossen. Eine Rede an die Nation, die Obama in der vergangenen Nacht halten wollte, soll die US-Bürger darauf einstellen.

Washington. Manchmal hängen Zitate an einem Politiker, als wären sie Mühlsteine. Barack Obama wird schon oft bereut haben, was er vor Monaten über jene Miliz von Fanatikern sagte, die damals mit Isis abgekürzt wurde und die man heute meist nur noch IS nennt, den Islamischen Staat. "Die Analogie, derer wir uns hier bedienen", plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen des Weißen Hauses, "ist die, dass eine Schülermannschaft nicht gleich Kobe Bryant wird, wenn sie sich die Trikots der Lakers überstreift. Die Lakers aus Los Angeles, eine Legende des Basketballs. Kobe Bryant, einer ihrer ganz Großen. Und das in einem Atemzug mit bisweilen vermummten Rebellen.TV-Analyse Außenpolitik



So gern amerikanische Politiker Metaphern aus der Welt des Sports benutzen, diese hier würde Obama wohl am liebsten vergessen. Es gebe einen Unterschied zwischen den Fähigkeiten eines Osama Bin Laden, zwischen dem Netzwerk Al Kaida, das Anschläge auf dem amerikanischen Festland plane, und nahöstlichen Dschihadisten, die sich in lokalen Machtkämpfen aufrieben, hatte er dem New Yorker im Januar gesagt. Nun muss ausgerechnet er begründen, warum der IS eine derart akute Bedrohung darstellt, dass ihm nichts anderes übrigbleibt als eine Ausweitung der Luftschläge.
Angesichts der Vorgeschichte wirkt der Präsident fast zwangsläufig wie einer, der gegen seine inneren Überzeugungen handelt, zumindest gegen die früheren. Sieht man es wohlwollender, liefert er gerade ein Lehrbeispiel jenes schnellen Pragmatismus, dessen sich Amerikaner gemeinhin rühmen, auch wenn er zuletzt immer seltener anzutreffen war zwischen festgefahrenen Parteienfronten. Zwingen dramatische, unvorhersehbare Ereignisse zur Wende, wirft das Land das Steuer herum - so hat es sich schon immer gern im Spiegel gesehen. Diesmal sind es grauenvolle Bilder aus der syrischen Wüste, die einen Stimmungsumschwung bewirken. Bevor die Journalisten James Foley und Steven Sotloff enthauptet wurden, hatte knapp die Hälfte der Amerikaner die Offensive der Air Force gegen IS noch abgelehnt.Präsident als Bremser


Seit den barbarischen Morden sind 70 Prozent dafür. Nur ändert es nichts daran, dass Obama im Grunde gegen sich selbst argumentiert, gegen vieles, was er früher an Einwänden vorbrachte. Als sein Kabinett im zweiten Jahr des syrischen Bürgerkrieges über Waffen für die Gegner Baschar al-Assads diskutierte, war er derjenige, der am heftigsten bremste. Den Wirren des Nahen Ostens hätte er am liebsten den Rücken gekehrt. Der Irak war für ihn Vergangenheit, ein Exempel für verschleuderte Ressourcen, während die Zukunft in China, Korea, Vietnam lag. Sich auf die glatte Rutschbahn des Syrienkonflikts zu begeben, das hätte nur wieder Amerikas Kräfte gebunden, es abgelenkt von seinem Schwenk nach Asien.
In den Think Tanks hatten es die Strategen von Rang lange kaum anders gesehen: Der 44. Präsident, hieß es, werde in zwei, drei Dekaden daran gemessen, ob es ihm gelungen sei, das Verhältnis zum aufstrebenden China zu ordnen - nicht an der Ordnung zwischen Bagdad und Damaskus. Und nun muss ausgerechnet Obama um Geduld für einen bewaffneten Einsatz bitten, von dem seine Ratgeber schon jetzt sagen, dass er kaum enden wird in den gut zwei Jahren, die ihm noch im Amt bleiben.
Das alles ist viel verlangt von einem Politiker, der 2008 seinen gesamten Wahlkampf aufbaute auf dem Versprechen, rasch und konsequent einen Schlussstrich unter George W. Bushs "dummen" Krieg im Irak zu ziehen. Kein Wunder, dass das Weiße Haus die Stunde des Kurswechsels als Moment überparteilichen Schulterschlusses inszeniert, als eine Art kollektive Entscheidung, die der Nation förmlich aufgezwungen wurde. Am Montag traf sich Obama mit Außenpolitikexperten beider Lager, darunter die Sicherheitsberater früherer Präsidenten, Demokraten wie Zbigniew Brzezinski, Republikaner wie Stephen Hadley. Am Dienstag saßen die "Big Four" im Oval Office, die Fraktionschefs beider Kongresskammern, die Republikaner John Boehner und Mitch McConnell neben den Demokraten Nancy Pelosi und Harry Reid. Das Protokoll einer nationalen Krise. Ein Hauch von 9/11 schwebt über Washington.
Warnende Stimmen


Dennoch mangelt es nicht an Stimmen, die zur Vorsicht mahnen. Welche Partner finden die USA in der Krisenregion? Die Türkei? Saudi-Arabien? Jordanien? Oder läuft es am Ende auf einen ermüdenden Alleingang hinaus? "Stellt uns der IS nicht eine Falle, in die wir nun hineintappen?", fragt David Ignatius, der erfahrenste Kolumnist der Washington Post. Was, wenn die Offensive ihre Ziele verfehle? Folge dann nicht eine Eskalation? In Vietnam und Afghanistan habe man gelernt, dass Aufständische kaum besiegt werden können, wenn sie sich in sichere Häfen hinter den Grenzen zurückziehen. Falls Obama die Rebellen daher auch in Syrien angreifen wolle, fragt Ignatius, "wie verhindern wir, dass wir zu Assads Luftwaffe werden?"
Aktuelle Informationen über die Strategierede von US-Präsident Obama finden Sie auf:
volksfreund.deExtra

Am 11. September 2001 starben rund 3000 Menschen bei Terroranschlägen islamistischer Todespiloten auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon bei Washington sowie beim Absturz einer von Terroristen übernommenen Passagiermaschine in Pennsylvania. Der von US-Präsident George W. Bush 2002 ausgerufene Patriot Day erinnert an die Attentate. US-Bürger sind dazu aufgerufen, im Gedenken an die Opfer um 8.46 Uhr New Yorker Zeit eine Schweigeminute einzulegen. Zu diesem Zeitpunkt explodierte das erste entführte Passagierflugzeug im Nordturm des World Trade Centers. Seit 2011 erinnern auch ein Museum und eine Gedenkstätte an Ground Zero in Manhattan an die Opfer. dpa