"Ohne Rente mit 67 weniger Wachstum"

"Ohne Rente mit 67 weniger Wachstum"

Die Bundesregierung sieht nach eigener Einschätzung kein Hindernis für die schrittweise Einführung der Rente mit 67. In dieser Woche will sie dazu einen Prüfbericht veröffentlichen.

Berlin. (vet) Vor sieben Jahren hatte bereits die Rürup-Kommission der Politik eine Anhebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre empfohlen. Mit ihrem Namensgeber, dem langjährigen Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter.

Laut Bundesagentur für Arbeit hat sich die Zahl der Arbeitslosen im Alter zwischen 60 und 64 seit 2007 vervierfacht. Ist das kein überzeugendes Argument gegen die Rente mit 67?

Bert Rürup: Dieser Anstieg ist vor allem ein Resultat des Wegfalls der sogenannten 58er-Regel im Jahre 2007 und der subventionierten Altersteilzeit im vorigen Jahr. In den letzten Jahren hatte kein Arbeitsmarktsegment eine so hohe positive Dynamik wie das der älteren Arbeitnehmer.

Die Kritiker wird das kaum überzeugen.

Rürup: Die Rente mit 67 soll erst ab 2029 voll wirksam werden und nicht schon 2012. Deshalb ist es wenig seriös, aus einer aktuellen Blitzlichtaufnahme des Arbeitsmarktes ein negatives Szenarium für die künftige Entwicklung abzuleiten. Dies umso weniger, als aus demografischen Gründen in den nächsten Jahrzehnten jährlich etwa 100 000 bis 150 000 ältere Arbeitnehmer mehr aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als jüngere nachrücken. Dies wird auf jeden Fall die Beschäftigungschancen der Älteren verbessern.

Die SPD verlangt, dass die Rente mit 67 so lange ausgesetzt wird, bis die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist. Wäre das ein gangbarer Weg, um die Akzeptanz der Maßnahme zu erhöhen?

Rürup: Derzeit liegt diese Quote bei etwa 25 Prozent. Die von der SPD als Einführungskriterium geforderten 50 Prozent bedeuten letztlich eine Absage an dieses Projekt. Denn es ist zweifelhaft, ob diese Quote in absehbarer Zeit überhaupt erreicht werden kann. Diese 50 Prozent blenden nämlich aus, dass nicht wenige Arbeitnehmer freiwillig unter Inkaufnahme von Abschlägen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, viele ältere Versicherte aus gesundheitlichen Gründen in die Erwerbsminderungsrente gehen, eine Reihe von Versicherten - beispielsweise Arbeitnehmer mit Behinderungen - ohne Abschläge vorzeitig in Rente gehen können und dass sozialversicherungspflichtige ältere Beamte oder Selbstständige in dieser Quote nicht berücksichtigt werden.

Ein Dachdecker kann schon heute kaum bis 65 arbeiten. Durch die Rente mit 67 müsste er noch mehr Rentenabschläge in Kauf nehmen. Finden Sie das in Ordnung?

Rürup: Das Dachdecker-Beispiel unterstellt, dass man das Recht haben müsse, einen in jungen Jahren erlernten Beruf sein ganzes Leben lang auszuüben. Es ist völlig klar, wer sich physisch oder psychisch verschlissen hat, hat einen Anspruch auf die Solidarität der Gemeinschaft. Dafür ist aber die Erwerbsminderungsrente das richtige Instrument. Darüber sollte man reden.

Was würde passieren, wenn die Rente mit 67 später als 2012 auf den Weg käme?

Rürup: Der Einführungszeitraum 2012 bis 2029 wurde so gewählt, dass davon auch die geburtenstarken Jahrgänge, die wir bis 1968 hatten, betroffen werden. Im Fall einer deutlichen Verschiebung würde diese Maßnahme viel von ihrer langfristigen Stabilisierungswirkung verlieren, die deutlich mehr als die bis zum Jahr 2030 ersparten 0,5 Beitragspunkte in der Rentenversicherung ausmacht. Mindestens genauso wichtig: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt in den nächsten Jahrzehnten deutlich schneller als die der Gesamtbevölkerung. Ein Verzicht auf die mit der Rente mit 67 verbundene längere Lebensarbeitszeit hätte jährliche Wachstumsverluste von bis zu 0,3 Prozent zur Folge. Hintergrund Neue Zahlen mit Zündstoff: Gut ein Jahr vor dem geplanten Einstieg in die Verlängerung der Lebensarbeitszeit sind nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit immer mehr Menschen zwischen 60 und 64 von Erwerbslosigkeit betroffen. Waren im Oktober 2007 rund 34 500 Personen in diesem Alter arbeitslos, so sind es jetzt 145 500. Diese Entwicklung geht allerdings vornehmlich auf rechtliche Änderungen und statistische Effekte zurück. Nach dem 2007 von der großen Koalition verabschiedeten Gesetz soll das Alter für den abschlagsfreien Renteneintritt in 18 Anhebungsschritten um zwei Jahre auf das vollendete 67. Lebensjahr heraufgesetzt werden. Der Einstieg ist für 2012 geplant. Das bedeutet: Für Versicherte des Geburtsjahrgangs 1947, die 2012 ihr 65. Lebensjahr vollenden, erhöht sich die Regelaltersgrenze auf 65 Jahre und einen Monat. Erst für Versicherte, die ab 1964 geboren sind, gilt die Regelaltersgrenze von 67 Jahren komplett. Sie wird 2029 erreicht. Gewerkschaften und Oppositionsparteien forderten am Wochenende erneut eine Aussetzung der Rente mit 67.