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Osten, Westen, Stadt, Land, Frau

Osten, Westen, Stadt, Land, Frau

Der klassische Minijobber ist eine westdeutsche Frau. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land und verdient im Dienstleistungsgewerbe weniger als 8,50 Euro die Stunde. Eine Spezies, die rings um Trier extrem häufig vorkommt. Das zeigt eine neue Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung.

Berlin/Trier/Saarburg. Der Osten ist blassgelb. Richtung Westen bestimmen zunächst Orangetöne das Bild, dann ein helles Rot und schließlich ein dunkles Bordeaux. Dieses Bordeaux steht für einen sehr hohen Anteil an Minijobbern. Es findet sich im Westen. Überall dort, wo es besonders ländlich ist. Und auch in weiten Teilen der Region Trier ... Nur an wenigen Karten lassen sich Trends so deutlich ablesen wie an jener, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Instituts der Hans-Böckler-Stiftung mit Hilfe deutscher Minijob-Daten erstellt hat (nicht zu verwechseln mit der auf dieser Seite abgebildeten rein regionalen Karte). Große Unterschiede zeichnen sich auf der Deutschlandkarte ab zwischen:

Ost und West: Minijobs sind ein typisch westdeutsches Phänomen. Sämtliche westdeutschen Bundesländer haben einen höheren Anteil von 400-(bzw. 450-)Euro-Jobs als die sechs ostdeutschen. "Der bemerkenswerte Unterschied ist historisch begründet", sagt Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein. Denn in der ehemaligen DDR haben Frauen meist in Vollzeit gearbeitet, während die Kinder betreut wurden. Daran hat sich auch durch die Wiedervereinigung nicht viel geändert. Die geringfügige Beschäftigung ist laut Herzog-Stein dagegen eine westdeutsche Erfindung der 1970er Jahre und sollte dazu dienen, Frauen an den Arbeitsmarkt heranzuführen. In den 1990er Jahren fanden die Minijobs starken Zulauf. Als Gründe nennt der Experte die fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die steuerliche Begünstigung, klassische Rollenmuster in den Familien und unzureichende Teilzeitangebote. "Dies führte dann zur Verfestigung eines westdeutschen Sonderweges, der auch im europäischen Vergleich hervorsticht", sagt Alexander Herzog-Stein.

Mann und Frau: Mehr als jedes vierte Beschäftigungsverhältnis einer West-Frau ist ein geringfügiges. Im Landkreis Trier-Saarburg werden den neuen Daten zufolge sogar 41,4 Prozent aller Frauen-Arbeitsplätze mit maximal 400 (450) Euro vergütet. Im Unterschied dazu beläuft sich die Minijob-Quote von Ost-Frauen auf rund 16 Prozent, kaum höher als die der Männer. Hauptursache dafür dürfte sein, dass Frauen nach wie vor oft die Kinderbetreuung übernehmen.

Stadt und Land: Das Ruhrgebiet, München oder Berlin sind auf der Karte genauso blassgelb wie Ostdeutschland. Denn Minijobs sind ein ländliches Phänomen. Das hat laut Herzog-Stein damit zu tun, dass auf dem Land Familie und Beruf schwieriger zu vereinbaren sind als in den Städten. Es hat aber auch mit der Wirtschaftsstruktur zu tun: Je bedeutsamer der Dienstleistungsbereich in einer Region ist, desto häufiger sind Minijobs anzutreffen. In der touristisch geprägten Region Trier dürften die vielen Restaurants, Hotels und Geschäfte für den hohen Minijobanteil eine wichtige Rolle spielen.

Ein großes Problem sieht die Böckler-Stiftung ebenso wie der Deutsche Gewerkschaftsbund darin, dass die Betroffenen kaum Ansprüche auf soziale Sicherung erwerben und pro Stunde oft nur sehr wenig verdienen. "Mehr als 80 Prozent bekommen nur einen Niedriglohn", sagt Herzog-Stein. Nach einer aktuellen Studie seines Instituts erhalten über zwei Drittel der Minijobber weniger als 8,50 Euro pro Stunde, mehr als ein Viertel sogar weniger als fünf Euro. Unternehmen nutzten Minijobs, in denen überwiegend Frauen arbeiten, offenbar gezielt, um Personalkosten zu drücken.

Das Fazit fällt vernichtend aus: "Die staatlich subventionierte geringfügige Beschäftigung ist längst aus dem Ruder gelaufen", konstatiert der Arbeitsmarktexperte und sagt, was auch die Gewerkschafter sagen: Die aktuelle Anhebung der Verdienstfreigrenze auf 450 Euro gehe in eine völlig falsche Richtung. "Viel besser wäre es, wenn es uns gelingen würde, dass möglichst viele minijobbende Frauen in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis kommen". Dies würde ihre Situation im Falle einer Arbeitslosigkeit und die Rentenansprüche merklich verbessern. Dazu müsse aber die Kinderbetreuung ausgebaut werden. Flexiblere Arbeitszeiten seien nötig. Und die Arbeitsteilung in den Familien müsse sich ändern.Extra

In der Stadt Delmenhorst bei Bremen entfallen mehr als 34 Prozent aller Arbeitsplätze auf Minijobs. Es folgen die Landkreise Trier-Saarburg, Bad Bentheim, Heinsberg, Kusel, Ahrweiler, Dachau und Plön mit jeweils über 30 Prozent. Besonders viele Kreise mit hohem Minijob-Anteil gibt es in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Im vergangenen Jahr war bundesweit etwa jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis ein geringfügiges. kah