"Palmsonntag haben wir einen neuen Papst"

"Palmsonntag haben wir einen neuen Papst"

Papst Benedikt XVI. tritt heute zurück, in den nächsten Tagen und Wochen dreht sich in der katholischen Kirche alles um seinen Nachfolger. Warum wollte der deutsche Pontifex nicht mehr? Und wer von den Kardinälen hat die größten Chancen, sein Nachfolger zu werden? Darüber sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz mit dem Vatikanexperten und Chefredakteur der Nachrichtenagentur KNA, Ludwig Ring-Eifel.

Der Papst tritt heute zurück - Wie wird Benedikt XVI. bei Ihnen in Erinnerung bleiben?
Ludwig Ring-Eifel: Ich habe viele persönliche Erinnerungen an die Zeit in Rom, wo ich ihn als Präfekt der Glaubenskongregation kennengelernt habe. Als Papst bleibt mir am stärksten Benedikts Reise nach Polen in Erinnerung, wo er im Konzentrationslager Auschwitz gesprochen hat - als deutscher Papst an einer solchen Stelle. Ich war nah dran, als er Holocaust-Überlebende gesprochen hat. Das waren bewegende und großartige Momente.

Inwiefern waren Sie von seiner Rücktrittsankündigung überrascht?
Ring-Eifel: Mich hat nicht die Tatsache überrascht, dass er zurücktritt, sondern der Zeitpunkt. Ich hätte frühestens in einem oder zwei Jahren damit gerechnet, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass er mit seinen Kräften so weit am Ende ist. Der altersbedingte Verfall seiner Kräfte war aber offenkundig stärker, als ich das von außen beobachtet hatte. Dass er in einem solchen Fall zurücktreten würde, hatte Benedikt in dem Interview-Buch von Peter Seewald aber deutlich angekündigt.

Was halten Sie von den jetzt kursierenden Verschwörungstheorien als möglichem Rücktrittsgrund?
Ring-Eifel: Das halte ich für völlig absurd. In seiner langen Zeit als Chef der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger alle Skandale und Abgründe im Vatikan kennengelernt. Zu meinen, dass ihn dies nach dem Untersuchungsbericht der drei Kardinalskommissare in der Vatileaks-Affäre so erschrocken hat, dass er deshalb zurücktritt, ist kompletter Unfug.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wann wird das Konklave beginnen, nachdem der scheidende Papst eine frühere Neuwahl erlaubt hat?
Ring-Eifel: Wann das Konklave beginnt, müssen die Kardinäle entscheiden. Sie können es vorverlegen, aber ich halte dies für nicht sehr wahrscheinlich. Allenfalls eine Vorverlegung um ein bis zwei Tage. Es besteht so viel Diskussionsbedarf unter den aus der gesamten Welt anreisenden über 200 Kardinälen, dass für eine Verkürzung der Debatten kein Grund besteht. Und es gibt reichlich Diskussionsbedarf in der katholischen Kirche.

Und wie lange wird es dauern, bis der Benedikt-Nachfolger feststeht?
Ring-Eifel: Ich rechne mit einem etwas längeren Konklave, also vier bis fünf Tage. Bis Ostern, wahrscheinlich sogar schon bis Palmsonntag (24. März) wird es einen neuen Papst geben.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Papst nicht aus Europa kommt?
Ring-Eifel: Die Wahrscheinlichkeit ist 50 zu 50. Die eine Hälfte der Kardinäle im Konklave stammt aus Europa, die andere Hälfte nicht. Es ist allerdings nicht entscheidend, wo der Kardinal herkommt. Er muss den Vatikan kennen und die Situation in seinem Bistum. Und viele Kardinäle kennen beides, sind etwa in Brasilien großgeworden und arbeiten jetzt im Vatikan oder umgekehrt.

Wem räumen Sie die größten Chancen ein?
Ring-Eifel: Es gibt dieses Mal nicht den einen Spitzenkandidaten. Ich könnte einen pro Kontinent nennen. Wenn es ein Amerikaner wird, hat der Kanadier Marc Ouellet die besten Chancen. In Südamerika ist dies Odilo Pedro Scherer, in Afrika tippe ich auf den Nigerianer John Olorunfemi Onaiyekan und bei einem Asiaten auf Albert Malcolm Ranjith aus Sri Lanka. Sollte es ein Europäer werden, tippe ich auf einen Italiener, und zwar Kardinal Angelo Bagnasco aus Genua.

Wenn es Scherer würde, könnte der Trierische Volksfreund ja titeln: "Wir sind Papst."
Ring-Eifel: In der Tat. Scherers Vorfahren stammen aus dem Bistum Trier - und zwar aus dem saarländischen Theley.

Welchen Aufgaben muss sich der neue Papst als Erstes widmen?
Ring-Eifel: Er muss die Dinge zu Ende bringen, die Kardinal Ratzinger und später Benedikt XVI. angefangen hat und nicht beenden konnte, beispielsweise die Aufklärung der Missbrauchsfälle. Da ist zwar in Amerika, England, Irland oder Deutschland viel geschehen, in anderen Ländern aber noch nicht. Dann muss der Nachfolger mit der Säuberung im Vatikan weitermachen, ich denke da etwa an die Reform der Vatikanbank. Vielleicht muss man die Bank sogar abschaffen. Und er muss das große Projekt aus der Ära Ratzinger weiterführen, die Verständigung zwischen Glaube und Vernunft. Die Kirche muss sich so ausdrücken, dass auch moderne Menschen ihre Botschaft verstehen.

Was hat die deutsche Kirche vom neuen Papst zu erwarten?
Ring-Eifel: Es wird schwieriger, weil der neue Papst wohl kein Deutscher sein wird. Es gibt also eine sprachliche und kulturelle Hürde. Andererseits kann eine größere Entfernung auch ein Vorteil sein. Die deutsche Kirche genießt weltweit einen guten Ruf wegen ihrer sehr guten Theologie und ihres fortgeschrittenen Dialogs mit den protestantischen Kirchen. Es könnte also sein, dass ein nichtdeutscher Papst ihr viel Respekt und Anerkennung entgegenbringt.

Wo und wie verfolgt der KNA-Chefredakteur das Konklave?
Ring-Eifel: In Rom; aber nicht nur das Konklave, sondern auch die Tage davor. Die sind fast noch interessanter, weil die Kardinäle im Vorfeld des Konklaves noch eine gewisse Bewegungsfreiheit haben. Die Kardinäle dürfen sich zwar nicht öffentlich äußern, aber mit guten Kontakten kommt schon der ein oder andere Gedankenaustausch zustande. sey
Extra

Der 1960 in Trier geborene Ludwig Ring-Eifel kam nach dem Studium zum Journalismus. Von 1986 bis 1989 war er Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), dann bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn. 1996 ging Ring-Eifel als deren Vatikan-Korrespondent nach Rom. Seit 2005 ist er Chefredakteur der Agentur. Ludwig Ring-Eifel lebt in Berlin und Bonn. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. sey

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