Pest oder Cholera

Wenn zwei Partner sich nicht mehr verstehen und der Streit zum Inhalt der Beziehung wird, hilft oft nur noch die Scheidung. SPD und Gewerkschaften, die bislang wie siamesische Zwillinge durchs Leben schritten, bleibt nicht mal diese Möglichkeit: Sie sind sozial, politisch und ideell aneinander gekettet.

Bei einer Trennung würden beide Seiten dauerhaft Schaden nehmen. SPD und DGB leiden an einem Dilemma, das der römische Autor Terenz so beschrieb: "Wärst du an meiner Stelle, würdest du anders denken”. Aus jeweils ihrer Sicht hat jede Seite Recht. Die SPD(-Spitze) tut, was sie für unabdingbar hält. Die Gewerkschaften tun, wozu sie sich im Interesse ihrer Mitglieder verpflichtet fühlen. Nimmt man die Staatsfinanzen zum Maßstab, muss man der SPD zustimmen. Orientiert man sich an den Millionen Arbeitslosen, die für ihr Schicksal zusätzlich bestraft werden sollen (Hartz IV), gewinnt der DGB Verständnis. Dass die Gründung einer neuen Linkspartei zur Problemlösung beitragen könnte, darf getrost bezweifelt werden. Abspaltung bedeutet Schwächung (der SPD), die nur der bürgerlichen Konkurrenz von Nutzen ist. Der Kanzler hat die Wahl zwischen Pest und Cholera: Gibt er den Gewerkschaften nach, verliert er seine Reformkraft. Bleibt er hart, provoziert er den Bruch - und den Sturz der SPD in die Bedeutungslosigkeit. nachrichten.red@volksfreund.de

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