"Pi mal Daumen" reicht nicht

Es kommt einem auf den ersten Blick schon kurios vor: In einer Gesellschaft, in der dank der Online-Netze mehr private Informationen über Individuen frei zugänglich kursieren als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, streitet man über das Recht des Staates, Rahmendaten seiner Bürger zu erfassen.



Trotzdem sollte es niemanden überraschen, wenn der Zensus 2011 am Ende doch noch erheblich modifiziert werden muss. Nicht nur, weil die Gegner jetzt mit der Mobilisierung beginnen. Das Verfassungsgericht hält die "informationelle Selbstbestimmung" der Bürger traditionell hoch. Da macht es einen großen Unterschied, ob jemand seine Daten freiwillig bei Facebook oder Amazon ablädt oder vom Staat dazu gezwungen wird.

Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass sinnvolle staatliche Planungspolitik möglichst präzise Zahlengrundlagen braucht. Wir können uns nicht mehr leisten, Renten, Sozialkassen, Krankenversorgung, Strukturpolitik, Wohnungsbau oder Bildungsangebote auf der Basis "Pi mal Daumen" zu planen. Es ist grotesk, dass schon die Zahl, wie viele Menschen in einer Stadt wie Trier wohnen, zwischen Landesstatistik und Einwohnermeldeamt um etliche Prozent differiert. Da ist Bereinigung dringend angesagt.

Wer dabei, wie die Kritiker, auf stichprobenartige Haushaltsbefragungen und Auskunftspflicht der Vermieter verzichten will, entzieht dem Zensus die Geschäftsgrundlage. Es ist nicht zu viel verlangt, wenn der Bürger, soweit nötig, zur Teilnahme verpflichtet wird.

Eine völlig andere Frage ist aber, ob es zentrale Datensammlungen geben muss, bei denen bundesweit jeder einzelne Mensch identifizierbar sein könnte. Die von den Kritikern vorgeschlagene "Summenerfassung", bei der die Kommunen die Daten erheben, sie aber nur anonymisiert weitergeben, würde die Angst vor einer riesigen "Datenkrake" reduzieren und trotzdem verlässliche Ergebnisse zulassen.

d.lintz@volksfreund.de