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Präsidentschaftswahl in Frankreich: Marschieren bis zum Tag der Abstimmung

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Marschieren bis zum Tag der Abstimmung

Die Anhänger von Emmanuel Macron glauben trotz der sinkenden Umfragewerte an den Sieg ihres Kandidaten.

"Je nach Herkunft wird man hier in eine Schublade gesteckt, aus der man nur schwer wieder herauskommt", sagt Aziz-François Ndiaye. Der gebürtige Senegalese weiß, wovon er spricht. Trotz eines Volkswirtschaftsstudiums und einer späteren Anstellung bei der Uno hat der 45-Jährige in Frankreich keine Arbeit gefunden. Die Frustration über seine Wahlheimat war groß, bis der zweifache Vater den Mann traf, der sein Leben veränderte: Emmanuel Macron.

"Er verkörpert das Frankreich von morgen. Er ist ein Visionär", schwärmt Ndiaye, der inzwischen Macrons Delegierter in den Yvelines, südlich von Paris, ist. Mit drei Anhängern fing der Unternehmer vor einem Jahr an, inzwischen sind es 7000. Viele von ihnen sind am Montag in die Pariser Konzerthalle Bercy gekommen, wo der Kandidat der von ihm gegründeten Bewegung En Marche seine Abschlusskundgebung für die Hauptstadtregion abhält.

Es ist der Mikrokosmos eines weltoffenen Frankreichs, der sich da versammelt, wo demnächst Deep Purple und Bruno Mars auftreten. Gelbe, rosa und hellblaue T-Shirts mit den schwarzen Initialen EM füllen die Ränge, die mit 20 000 meist jungen Anhängern in Feierlaune voll besetzt sind. In der Mitte eine Art Laufsteg in Blau-Weiß-Rot für den Jungstar, der auch ohne konkrete Aussagen sein Publikum begeistert. "Hört ihr das Rauschen des Frühlings?", fragt er seine Zuhörer gleich am Anfang. "Es ist das Geräusch eines politischen Kapitels, das bald beendet ist."

Und wie soll das nächste Kapitel in der Geschichte Frankreichs heißen? Für die Menge ist die Antwort klar: "Macron Président".

Wer gekommen ist, um zu hören, wie denn genau die Präsidentschaft des einstigen Sozialisten aussehen soll, wird enttäuscht. Gut eine Stunde lang spricht der Kandidat, der weder "rechts noch links" sein will, von einem neuen Frankreich. "Morgen wird nicht wie gestern sein", sagt er zum Beispiel im Stil eines amerikanischen Fernsehpredigers.
Oder: "Wir werden Frankreich seinen Optimismus zurückgeben. Einem weltoffenen, vertrauensvollen, draufgängerischen Frankreich."

Die Sätze bringen seine Fans schon nach zehn Minuten dazu, die Nationalhymne anzustimmen. Gut gelaunt geht der frühere Investmentbanker auf sein Publikum ein. Aber er ist kein Volkstribun wie sein Rivale, der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der ihm in Umfragen gefährlich nahekommt. Schon ist von einer Stichwahl zwischen Mélenchon und der Rechtspopulistin Marine Le Pen die Rede - ohne Macron, der monatelang für die zweite Runde gesetzt schien.

Damit stünde Frankreich vor einer Wahl zwischen zwei Extremen, die beide ähnlich EU-feindlich sind. Ohne Wenn und Aber für Europa ist nur einer der elf Kandidaten - nämlich Macron. "Er ist der einzige, der eine europäische Vision hat," sagt der Pariser Anwalt Frédéric Moraes, der in Saarbrücken studiert hat und fließend Deutsch spricht. Schon seit der Gründung von En Marche vor einem Jahr unterstützt der Endzwanziger den Politneuling, dessen Idee, die alten Parteigrenzen zu sprengen, ihn überzeugt.

"In den traditionellen Parteien konnte ich mich nicht wiederfinden", sagt er wie viele Anhänger Macrons, die zum ersten Mal mit der Politik in Berührung kommen.

Doch Moraes weiß, dass es am Sonntag in der ersten Runde knapp werden wird für seinen Kandidaten. Vor allem, weil Macrons Wählerschaft sich ihrer Sache weniger sicher ist als beispielsweise die von Le Pen, die zusammen mit Macron die Umfragen anführt.

Überhaupt hat sich laut Meinungsforschern ein Drittel der Franzosen wenige Tage vor der Wahl noch nicht auf einen Kandidaten festgelegt. "Der Sieg ist so nah wie das Risiko", warnt Richard Ferrand, der Generalsekretär von En Marche. Deshalb werden die Anhänger Macrons in den nächsten Tagen an den Türen der Franzosen klingeln, um die Unentschlossenen von ihrem Kandidaten zu überzeugen. "Wir müssen alles geben", sagt Ndiaye. "Wir haben jetzt die Chance, unser Land zu verändern. Wir dürfen sie nicht vorübergehen lassen."