| 18:39 Uhr

Prozess in Ibbenbüren
Tod eines Streitschlichters

Die Angeklagten im Amtsgericht Ibbenbüren
Die Angeklagten im Amtsgericht Ibbenbüren
Ibbenbüren . Er wollte eingreifen, nicht wegschauen, als zwei Männer auf einen dritten einprügelten. Am Ende starb er. Nach dem Tod eines 73-Jährigen muss das Amtsgericht Ibbenbüren die Frage klären, ob die zwei Männer die Verantwortung tragen.

Eigentlich wäre er genau der nette Opa gewesen, den sich jeder so vorstellt, sagt einer der Angeklagten. "Aufmerksam. Nett. Freundlich". Mit den Worten "'Ihr seid junge Leute. Ihr könnt das anders klären. Hört doch auf'", habe er versucht die Prügelei zu stoppen, erinnert er sich der 26-Jährige. Doch der ältere Herr ist tot, überrollt von einem Auto an einer Tankstelle, als er sich couragiert in einen handfesten Streit einmischte. Wer für den tragischen Tod des Mannes die strafrechtliche Verantwortung trägt, versucht das Amtsgericht Ibbenbüren seit diesem Freitag zu klären.

Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung sind der 26-Jährige und sein ein Jahr jüngerer Bruder. Die Staatsanwaltschaft sieht die Männer in der Verantwortung, weil sie einen seinerzeit 25 Jahre alten Autofahrer mit massiver körperlicher Gewalt in eine panische Flucht getrieben hätten. Der Fahrer überrollte den Senioren, der noch an der Unglücksstelle starb.

"Akt der Zivilcourage"

Was genau sich an einem Märzabend 2017 an der Tankstelle abspielte, will das Gericht an insgesamt drei Verhandlungstagen entwirren. Zum Auftakt stellte die Staatsanwaltschaft ihre Position mit der Verlesung der Anklageschrift dar. Die beiden Brüder hätten demnach einen langjährigen Bekannten angegriffen, als dieser gerade den Innenraum seines Autos aussaugte. Sie sollen geschlagen, getreten, gewürgt haben. Auch als der Attackierte in seinem Wagen Schutz suchte, setzten sie nach - und kümmerten sich wenig um den sich immer wieder einmischenden Senior. Der habe die Streithähne laut Staatsanwalt "aus einem Akt der Zivilcourage" mit Worten beschwichtigend trennen wollen.

In seiner Panik habe der Fahrer zurückgesetzt, wobei er die drei Anderen umriss. Dann sei er vor- und wieder rückwärtsgefahren und habe den älteren Mann beim Versuch zu entkommen mehrfach überrollt.
Ein später im Gerichtssaal gezeigtes Video aus der Überwachungskamera der Tankstelle zeigt die dramatische Szene. Der Staatsanwalt machte deutlich, dass er davon überzeugt sei, das der fünfminütige Dauerangriff der Brüder auf den Autofahrer ursächlich für den Tod des älteren Mannes gewesen sei.

Der Fahrer sagte im Zeugenstand aus, dass er durch die in ihm entstandene Panik nichts von den Folgen seiner Flucht mitbekam. "Ich wollte einfach nur weg", sagt er dem Richter mit leiser Stimme. Dass sein Wagen aufbockte, die Reifen durchdrehten - all das habe er nicht mit dem älteren Herrn in Verbindung gebracht. "Ich habe das total ausgeblendet."

Der ältere Angeklagte gibt an, er hätte den Fahrer noch mit Rufen gewarnt. Sein jüngerer Bruder sagt aus, er sei blind vor Wut auf den Angeklagten gewesen. Die Angriffe räumen beide ein. Hintergrund ihrer Auseinandersetzung seien gekränkte Ehre, Verrat, Rufschädigung und das Verhältnis des angeklagten 25-jährigen Mannes türkisch-kurdischer Abstammung zur Schwägerin des Prügel-Opfers, die aus einer konservativ-muslimischen Familie stammt. Für den Tod seien sie nicht verantwortlich. "Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ein Mensch dabei umkommt", sagt der jüngere Angeklagte. Es tue ihm leid.

Den vielen Familienmitgliedern im kleinen Amtsgerichtssaal ist das wohl kein Trost: Die Emotionen im Zuschauersaal kochen immer wieder hoch, wenn die Angeklagten sich erklären. Ein Urteil könnte am 27.
April fallen.

Der 73-Jährige, der an jenem Abend einfach nur helfen wollte, hinterlässt eine Ehefrau und acht Kinder.

(dpa/hsr)