Prozess nach Kindesmisshandlung: Staatsanwalt verliest Anklage

Prozess nach Kindesmisshandlung: Staatsanwalt verliest Anklage

Mit der Verlesung der Anklage hat am Donnerstagmorgen am Trierer Landgericht der Prozess gegen eine 22-jährige Amerikanerin begonnen, deren Sohn im vergangenen Herbst im Alter von acht Monaten an den Folgen eines Schütteltraumas gestorben war. Die Angeklagte soll ihn nicht vor den mutmaßlichen Übergriffen des Vaters geschützt haben.

Trier. Eine beklemmende Stille legt sich am Donnerstagmorgen über den Sitzungssaal 66 des Trierer Landgerichts, als Justizbeamte eine junge Frau zur Anklagebank führen. "Das ist ja noch ein halbes Kind!", raunt ein Pressevertreter im Publikum. In der Tat wirkt die Angeklagte in ihrem roten Jogginganzug und mit dem schwarzen Haarreifen deutlich jünger, als es ihre 22 Jahre vermuten lassen.

Die Amerikanerin sieht sich mit unsicherer Miene im Gerichtssaal um, nestelt an ihren Händen und blickt hilfesuchend in Richtung ihrer Verteidigerin Susanne Hardt. Mit leiser Stimme gibt sie der Vorsitzenden Richterin Petra Schmitz Auskunft über ihre Personalien. Ein Dolmetscher übersetzt. Bei der Frage der Richterin "Sie sind verheiratet und kinderlos?" zucken viele im Saal zusammen.

Schließlich war die 22-Jährige bis zum vergangenen Herbst Mutter eines acht Monate alten Sohns. Doch er starb Ende Oktober 2010 nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Trier an den Folgen eines schweren Schütteltraumas, das dem Jungen von seinem Vater zugefügt wurde. Der amerikanische Soldat der Airbase Spangdahlem wird sich bald vor einem Militärgericht verantworten müssen. Weil die 22-Jährige eine Mitschuld an dem Tod ihres Babys tragen soll, muss sie sich seit Donnerstag unter anderem wegen des Vorwurfs der Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vor dem Landgericht verantworten. Fünf Verhandlungstage mit mehr als 20 Zeugen und mehreren Sachverständigen hat das Gericht angesetzt. Da die psychiatrische Sachverständige am ersten Verhandlungstag nicht teilnehmen kann, wird gestern lediglich die Anklage verlesen.

Es sind traurige Details, die Staatsanwalt Jörn Patzak dabei bekanntgibt.

Etwa, dass das Paar mit seinem Sohn zwischen Ende Juli und Anfang September 2010 drei Mal im Wittlicher Krankenhaus vorstellig gewesen sein soll.

Waren die Probleme der Airbase bekannt?



Der Junge soll deutliche Misshandlungsspuren - mehrere Knochenbrüche, schwere Verbrennungen - aufgewiesen haben. Auch sollen einer Ärztin auf der Airbase Probleme in der Familie bekannt gewesen sein: Im August soll sogar eine Art Sozialarbeiter eingeschaltet worden sein.

Die 22-Jährige habe spätestens ab Ende Juli von den Übergriffen des Ehemanns gewusst, ist Staatsanwalt Patzak überzeugt: Doch statt ihrer Verpflichtung als Mutter nachzukommen und ihrem Mann Einhalt zu gebieten, habe sie mehrfach erst viel zu spät ärztliche Hilfe hinzugezogen. "Infolge Ihrer Untätigkeit hatte Ihr Mann die Möglichkeit, dem Kind immer weiter Verletzungen zuzufügen", wendet sich Patzak an die junge Frau, der während der Verlesung der Anklage die Tränen übers Gesicht laufen. Ihr Sohn wäre am Dienstag ein Jahr alt geworden.

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