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Psychisch Kranke trauen sich endlich, Hilfe zu suchen

Psychisch Kranke trauen sich endlich, Hilfe zu suchen

Arbeiten Psychotherapeuten zu wenig? Äußerungen des Trierer Neurologen Michael Brenner im TV sorgten für Missverständnisse. Die Psychotherapeuten wehrten sich. Im Interview relativiert der Mediziner seine Zitate. Die Fragen stellte unser Redakteur Bernd Wientjes.

Trier. Herr Brenner, warum arbeiten Ihrer Ansicht nach Psychotherapeuten zu wenig?Michael Brenner: Ich bin überhaupt nicht der Ansicht, dass Psychotherapeuten zu wenig arbeiten, und halte dies für abwegig, um Missverständnisse hier eindeutig auszuschließen. Vielmehr geht es bei dem Thema Wochenarbeitszeit um eine Herausforderung, die in den letzten Jahren zunehmend in den Vordergrund rückt und dringend angegangen werden muss: Sowohl bei Ärzten wie bei Psychotherapeuten nimmt der Anteil an Frauen immer mehr zu, bei den jungen inzwischen in einer Größenordnung von 70 bis 80 Prozent.Konkret: Was bedeutet das? Brenner: Dies bedeutet, dass Teilzeitarbeit immer mehr an Bedeutung gewinnt und gewinnen muss und, wenn Beruf und Familie miteinander vereinbart werden sollen, nicht eine volle Wochenstundenzahl erreicht werden kann. Darüber hinaus gilt ganz grundsätzlich für die ärztliche und psychotherapeutische Versorgung in der Zukunft, dass bei zunehmendem Anteil von Frauen dringend bessere Arbeitsbedingungen für Teilzeitarbeit geschaffen werden müssen, um langfristig die Versorgung gewährleisten zu können. Fakt ist, die Wartezeiten bei Psychotherapeuten sind extrem lang. Warum ist das aus Ihrer Sicht so? Brenner: Schuldzuweisungen halte ich hier für völlig verfehlt und distanziere mich ausdrücklich davon, denn ein wesentlicher Grund besteht in der erheblichen Zunahme der psychischen Krankheiten. Eine wichtige Rolle neben vielen anderen Faktoren spielt auch, dass sich Menschen früher keine Hilfe gesucht haben, sich heute aber glücklicherweise zunehmend trauen. Darüber hinaus haben Fortschritte in der Diagnostik und Therapie in den letzten Jahren dazu geführt, dass besser und differenzierter diagnostiziert und behandelt werden kann. Was muss getan werden, um diese Wartezeiten zu verringern? Brenner: Dafür gibt es keine einfache Lösung. Bei aller Diskussion über diese Frage sollte auch bedacht werden, dass bei Psychotherapeuten eine Therapiesitzung 50 Minuten dauert und dazu noch der Zeitaufwand etwa an Vorbereitung, Dokumentation und Nachbereitung hinzugerechnet werden muss. Es handelt sich also bei Psychotherapie letztlich um eine kostbare und endliche Ressource, die nicht in einem unbegrenzten Maß zur Verfügung steht. Im Einzelfall sollte, wie bei allen Krankheiten auch, differenziert werden zwischen akuten Erkrankungen, die eine akute Behandlung erfordern, und seit längerem bestehenden, nicht akuten Erkrankungen, bei denen eine Wartezeit durchaus vertretbar erscheint. Wie ist die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten? Gibt es ein Konkurrenzdenken?Brenner: Es gibt hier aus meiner Sicht keinerlei Anlass, einen Streit zu konstruieren. Weder Ärzte noch Psychotherapeuten haben Grund zu Konkurrenzdenken, sondern die Aufgabe gemeinsam, das Problem der Versorgung von vielen Patienten bei begrenzten Ressourcen zu lösen. Die konkrete Zusammenarbeit ist in aller Regel kooperativ und gut. Was sind die Gründe dafür, dass die Zahl der psychisch kranken Patienten in den vergangenen Jahren so deutlich gestiegen ist? Brenner: Wie gesagt, die Patienten suchen sich selbst glücklicherweise häufiger und schneller Hilfe, Diagnostik und Therapie sind besser geworden. Mitverantwortlich sind die erheblich gestiegene Lebenserwartung mit deutlicher Zunahme etwa von Demenzerkrankungen, offensichtlich auch die Arbeitsverdichtung mit zunehmender Überforderung der Menschen am Arbeitsplatz.Wann sollte der Patient damit zum Arzt, wann zum Psychotherapeuten? Brenner: Bei unklaren Symptomen sind als erster Ansprechpartner die Hausärzte kompetent und hilfreich, die Weichen für eine sinnvolle weitere Abklärung und Behandlung der Symptome zu stellen, von der Diagnose hängt dann die richtige Behandlung ab. wie