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Quietschende Reifen und Schüsse in der Nacht

Quietschende Reifen und Schüsse in der Nacht

Der Mord an zwei Frauen und einem Mann erschüttert das Dorf Flaxweiler in Luxemburg. Viele Bewohner sind fassungslos. Kaum einer hatte zuvor Kontakt zu den drei Opfern und dem mutmaßlichen Täter.

Flaxweiler. Den Nachbarn steht der Schock noch immer ins Gesicht geschrieben. Einige sind sprachlos, wollen nicht mit den Journalisten über die Bluttat, die sich in der Nacht nur wenige Meter von ihnen ereignet hat, sprechen. Es sei unfassbar, dass sich ein derart brutaler Mord in einem kleinen Dorf in einer ruhigen, gutbürgerlichen Wohngegend ereignet hat, bringt Polizeisprecher Vic Reuter die Fassungslosigkeit der Bewohner der Rue de Berg zum Ausdruck. Die Straße liegt am Rande des 1600-Einwohner-Ortes Flaxweiler, wenige Kilometer vom luxemburgisch-deutschen Grenzort Grevenmacher entfernt, in der Einflugschneise des Luxemburger Flughafens.

Blutspuren auf dem Boden



Mit einem rot-weißen Absperrband hat die Polizei die Straße vor dem Haus mit der Nummer 26 abgeriegelt. Ein schmuckes, relativ neues Haus, mit beigen Steinen verklinkert. Auf dem Rasen davor steht auf einem mit Efeu bewachsenen Baumstumpf ein steinerner Adler. Beide Garagen sind offen, in der linken steht ein silberner Kleinwagen mit Luxemburger Kennzeichen. Blutspritzer sind am Garagenboden zu sehen.

Ein paar Stunden zuvor sind in und vor dem Haus drei Menschen brutal ermordet worden: eine 29-jährige Estländerin, eine 34-jährige Kirgisin und ein 45-jähriger Luxemburger. Die blutüberströmte Leiche des Luxemburgers liegt bis kurz vor Mittag noch in der Einfahrt vor der Doppelgarage des Hauses. Polizeisprecher Reuter schließt nicht aus, dass der mutmaßliche Täter, ein 28-jähriger Estländer, bei seiner Flucht mit dem in der Garage abgestellten BMW den Luxemburger überrollt hat.

Gegen halb zwölf transportiert ein Leichenwagen den Ermordeten ab. Zu dieser Zeit werden die Leichen der beiden Frauen noch immer von Beamten der Mordkommission und Gerichtsmedizinern im Haus untersucht.

Spezialisten der Spurensicherung in weißen Ganzkörperanzügen nehmen seit der Nacht dabei den Tatort unter die Lupe. Mit speziellen Laserkameras untersuchen sie jeden Winkel vor und in dem Haus. Mit Kreide wurden mögliche Spuren auf dem Boden eingekreist. Auf dem Bürgersteig vor einem Nachbarhaus befindet sich eine Blutlache. Hier ist der 28-Jährige vermutlich von einer Polizeikugel getroffen worden, nachdem er die Beamten in der Nacht mit einem 25 Zentimeter langen Küchenmesser angegriffen hat - wahrscheinlich das Messer, mit denen die Opfer ermordet wurden. Der Mann habe überlebt, sagt Reuter. Wie es dem 28-Jährigen geht, weiß der Polizeisprecher allerdings nicht.

Auch nicht, ob es sich um eine Beziehungstat gehandelt hat, wie schon kurz danach vermutet wird. "Der einzige Zeuge, der was dazu sagen kann, liegt schwerverletzt im Krankenhaus", sagt Reuter.

Seit einem Jahr haben die vier Bewohner des Hauses in Flaxweiler gelebt. Es sollen zwei Paare gewesen sein. Auf den beiden Briefkästen stehen drei Namen, auf dem untersten ein Doppelname, darüber zwei handschriftlich auf ein Schild geschriebene mit einem Schrägstrich getrennte, osteuropäisch klingende Namen. Das Haus soll einem Mann aus dem Dorf gehören, die Vier sollen zur Miete darin gewohnt haben.

Kaum einer der Nachbarn habe Kontakt mit ihnen gehabt. "Die haben nie gegrüßt", sagt ein älterer Mann, der zwei Häuser nebenan wohnt. Morgens habe er immer nur eine Frau und einen Mann vorbeigehen sehen, ein paar Minuten später sei er alleine zurückgekommen. "Sie ist vielleicht zur Bushaltestelle gegangen", vermutet der Mann. Über die Herkunft der Vier weiß er nichts. "Niemand im Dorf hat Kontakt zu denen gehabt", sagt ein 17-Jähriger. Er wohnt direkt gegenüber der Nummer 26. Die Frau des älteren Mannes ist nachts wach geworden, als vor ihrem Haus jede Menge Polizei- und Krankenwagen vorfuhren. "Die Polizisten sind mit Hunden durch die Straße gelaufen", sagt sie. Sie habe gedacht, sie suchten nach einem Einbrecher. Der 17-Jährige berichtet, dass er nachts quietschende Reifen gehört hat. Auch vier Schüsse seien zu hören gewesen. Später sei dann ein Feuerwehrwagen vorgefahren. Mit Scheinwerfern sei die Straße vor dem Haus ausgeleuchtet worden. Obwohl er wegen der Unruhe nicht mehr richtig einschlafen konnte, habe er von der Bluttat erst am Morgen erfahren. "Die Polizei hatte ein Zelt in der Einfahrt aufgebaut." Darunter lag der ermordete Luxemburger und wurde von Spezialisten der Spurensicherung untersucht. Auch der 17-Jährige kann es nicht fassen, was sich wenige Stunden zuvor ereignet hat. "Man fühlt sich schon unwohl, wenn so etwas vor der Haustür passiert", sagt er.