Radikale Chance

Sind diese Palästinenser noch zu retten? Das Ergebnis der Wahlen im unheiligen Heiligen Land lässt auf den ersten Blick nur eine Antwort zu: nein. Sie müssen verrückt sein, diese Palästinenser, verblendet, völlig verzweifelt.

Was sonst wäre der Grund, die radikal-islamische Hamas in die Regierung zu wählen? Eine Bande von Terroristen, die sich das Ziel gesetzt hat, Israel zu zerstören. Auf deren Konto eine Vielzahl von grausigen Selbstmordanschlägen geht (bevorzugt: Linienbusse). Die einen Gottesstaat herbeibomben will, finanziert von den Mullahs im Iran und Scheichs aus Saudi-Arabien. Ein Albtraum für Israel, aber auch für die Europäer und die Vereinigten Staaten. Prompt ist die Rede von einem Erdbeben, das den krisengeschüttelten Nahen Osten noch tiefer ins Chaos stürzen werde. Empörung. Entsetzen. Endzeitstimmung. Sind diese Palästinenser wirklich gaga? Sie riskieren, dass die nun offiziell mit einem Mandat ausgestattete Hamas das zart keimende Pflänzchen "Friedensprozess" rücksichtslos zertrampelt. Sie riskieren, dass die Ströme internationaler Hilfsgelder versiegen. Sie riskieren, dass die Gewalt eskaliert und blinder Hass das Pulverfass explodieren lässt. Aber - sie haben die Hamas demokratisch gewählt. Ganz offenkundig nicht allein, weil sie deren radikale Haltung unterstützen. Sondern auch, weil sie den Religionskriegern zutrauen, Korruption und Vetternwirtschaft einzudämmen. Weil sie hoffen, dass es den neuen Machthabern gelingt, die blutigen Kämpfe zerstrittener Clanchefs zu beenden. Und weil die Hamas für sie im Ruf einer Wohltätigkeitsorganisation steht, die im Gaza-Streifen Schulen und Krankenhäuser gebaut, verarmte Familien unterstützt und Jobs für Arbeitslose besorgt hat. So unversöhnlich und martialisch die Parolen derzeit klingen - das durcheinander gewirbelte Machtgefüge in Nahost eröffnet eine Chance. Die Hamas wird als internationaler Verhandlungspartner nur akzeptiert, wenn sie Israel anerkennt und ihren militärischen Flügel auflöst. Sie muss sich - unter dem sanften Druck des Westens - anpassen, wandeln und "ent-radikalisieren": Terroristen zu Politikern, Evolution statt Revolution. Noch deutet wenig darauf hin. Doch eine andere Wahl als den Frieden haben die Palästinenser nicht. p.reinhart@volksfreund.de