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"Religion schließt Kompromisse aus"

"Religion schließt Kompromisse aus"

Der Nahost-Experte Jörg Armbruster sieht den christlichen Glauben in Syrien stark bedroht.

Klausen Ein Hauch von Weltpolitik wehte durch die Wallfahrtskirche Klausen, als der Nahostexperte und Korrespondent der ARD vor dem Altar über die Zusammenhänge im Syrienkrieg sprach. 70 Besucher wollten hören, was er auf Einladung von Wallfahrtsrektor Pater Albert Seul zu sagen hatte. Zunächst ging er auf die aktuelle Situation ein. 400 000 Tote hat der Konflikt bereits gefordert, die meisten davon waren Zivilisten. Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht, entweder innerhalb des Landes, in den angrenzenden Staaten oder sie kommen bis nach Europa. Er erklärt: "Jordanien und der Libanon haben hier Wahnsinniges geleistet. Jordanien, das selbst ein ganz armes Land ist, hat schon 1,3 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und hat im vergangenen Jahr gesagt ‚Wir können nicht mehr'. Das hätte ich schon viel früher erwartet." Im Libanon ist inzwischen jeder vierte Bewohner des Landes ein Syrer. Ein Waffenstillstand ist seiner Meinung nach nicht in Sicht. In Genf wird aktuell unter der Führung der Vereinten Nationen verhandelt, aber bisher ohne Ergebnis. Das Problem ist aus seiner Sicht die religiöse Komponente, denn "Religion schließt Kompromisse aus", wie er sagt. "Der Krieg wird wahrscheinlich erst dann beendet sein, wenn die Kriegsparteien erschöpft sind, doch diese fast zynische Hoffnung kann man kaum haben, denn sie werden von den Ländern, die dahinterstehen weiter mit Waffen und Soldaten versorgt." Es ist in Syrien nicht ein Krieg, der stattfindet, sondern es kämpfen viele Parteien gegeneinander, und es gibt Stellvertreterkriege. Da wären die Rebellen, die gegen das Regime kämpfen, der Iran gegen Saudi-Arabien, die Türkei gegen die syrischen Kurden, die westliche Allianz gegen den Islamischen Staat und Israel gegen die Iranische Hisbollah. "Und irgendwo dazwischen ist die Bevölkerung", berichtet Armbruster. "Das Uno-Kinderhilfswerk hat festgestellt, dass die Tötung, Verstümmelung und Rekrutierung von Kindern als Kindersoldaten drastisch zugenommen hat", so Armbruster weiter. Die Kinder gingen kaum noch zur Schule, weil sie in den meisten Landesteilen nicht mehr funktioniert. "Da wächst die nächste Generation Dschihadisten heran, wenn die Bildung der Kinder nicht gehoben wird", prophezeit er. Syriens Staatschef Assad, den Armbruster den größten Menschenrechtsverletzer der Gegenwart nennt, weil er Fassbomben und Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, will an der Macht bleiben und Gebiete von den Dschihadisten zurückerobern. Unterstützt wird er von Russland, das seine Rolle im Nahen Osten stärken will, und dort einen wichtigen Kriegshafen am Mittelmeer hat. Zudem hat Syrien hohe Schulden durch Waffenkäufe bei Russland. Der Islamische Staat, der seine Kriegskasse gut durch Ölverkäufe, Geiselnahmen und Schutzgeld gefüllt hatte, wurde von der Türkei unterstützt mit Waffenlieferungen und als Transitland. Die Türkei wollte Assad stürzen. 2014/15 war das eroberte Gebiet des IS ungefähr so groß wie Großbritannien, und einige Millionen Menschen lebten unter dem Joch den IS. Dann haben sich die USA mit den Kurden verbündet, um gegen den IS zu kämpfen, und die Kurden sind inzwischen die Bodentruppe der USA. "Eine solche Konstellation hätte man sich vor Jahren gar nicht vorstellen können, denn diese Kurden sind eine Terrororganisation, ein Ableger der PKK", so Armbruster. Er erklärt weiter: "Und die USA will unter Trump diese Organisation mit schweren Waffen ausrüsten, damit sie den IS weiter zurückdrängen." Wie die Konflikte ausgehen, weiß auch Armbruster nicht. Seiner Meinung nach ist ein Frieden aber nur mit Assad möglich. Gefahren sieht er im Nahen Osten langfristig in den Ideologien, die von Saudi-Arabien aus in die Welt getragen werden. "Die salafistischen Prediger, die hier auf unseren Straßen stehen, wurden zum großen Teil dort ausgebildet." Den christliche Glauben dort sieht er in Gefahr. Von einer Islamisierung Europas oder Deutschlands geht er nicht aus: "Dazu sind wir mit unseren Werten und unserem Grundgesetz zu gut aufgestellt." Extra: DREI FRAGEN AN JÖRG ARMBRUSTER

Donald Trump hat gerade seinen Besuch im Nahen Osten beendet. Können Sie sich vorstellen, dass er wesentlich zum Friedensprozess dort beiträgt? JÖRG ARMBRUSTER: Er hat keinen Ansatz, und er war nicht konkret. Solange er seine Haltung da nicht ändert und direkter Vorschläge macht, kann ich mir das nicht vorstellen. Warum positioniert sich Trump gegen den Iran? ARMBRUSTER: Er ist sehr aggressiv gegenüber dem Iran. Er ist in dem Fall kein kluger Berater, sondern er ergreift Partei, und erklärt sie zum Erzfeind. Er hat sein Schwarz-Weiß Denken: Entweder bist du Freund oder Feind. Das zeigt, dass er ein eher schlichtes Denken hat. Auf jeden Fall wird dieses Verhalten den Atomvertrag gefährden. Haben Sie noch Kontakte im Nahen Osten, die sie auf dem Laufenden halten? Armbruster: Ja, ich habe noch Kontakte, natürlich nicht mehr so intensiv wie früher, aber es gibt Personen, die mir bei der Einordnung verschiedener Ereignisse helfen. Jörg Armbruster, 69, war bis Ende 2012 Korrespondent der ARD für den Nahen und Mittleren Osten.