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Reportage: Von Flammeninfernos, Plünderungen und Wut auf die Politik

Reportage: Von Flammeninfernos, Plünderungen und Wut auf die Politik

Queen Barnes ist sauer, auf die Nationalgarde, auf die Plünderer, auf die Politiker. Hinter ihr liegt das Schaufenster ihres Kosmetiksalons in Scherben, gelbes Plastikband der Polizei markiert die Szene als Schauplatz eines Verbrechens. Drinnen aufgeweichtes Holz, kaputte Sessel.

Verglichen mit "Prime Beauty", einem Salon in der Nähe, hatte Barnes noch Glück. "Prime Beauty" liegt restlos in Trümmern, die Decke ist eingestürzt, als hätte die Erde gebebt an der West Florissant Avenue. Bei Barnes ist es im Grunde nur Wasserschaden. Feuerwehrleute schlugen das Fenster ein und hielten ihren Schlauch auf die Ladeneinrichtung, um zu verhindern, dass angesichts des Flammeninfernos fünfzig Meter weiter auch "Queen's Royal Touch" Feuer fing.

Es ändert nichts daran, dass Barnes vor Wut kocht. Dass etwas passiert war am späten Abend, erfuhr sie erst am Morgen danach. Der Sicherheitsdienst, der die teure Alarmanlage installierte, rief erst nach sieben bei ihr an, um von einem Problem zu berichten: Die Batterie des Einbruchmelders war so gut wie leer, kein Wunder, da sie die ganze Nacht piepte. Warum sie nicht früher verständigt wurde, etwa, als das Glas splitterte, kann Barnes nicht verstehen. Und dass Polizei und Nationalgarde - so sieht sie es - den Plünderern die West Florissant Avenue praktisch kampflos überließen, ist ihr schlicht ein Rätsel. Kein Uniformierter, hörte sie von Freunden, sei auch nur in der Nähe gewesen, als vermummte Angreifer ihre Gewaltorgie feierten. 24 Stunden danach zeigt die Garde Flagge, dicht an dicht stehen ihre Reservisten vor den verwüsteten Ladenzeilen. Zu spät, deshalb wirkt es fast schon bizarr.

"Der Gouverneur hat mich im Stich gelassen", schimpft die Frau mit dem kunstvoll blondierten Haar und nennt Jay Nixon, den Mann, dem die Garde untersteht, einen kompletten Versager. Dann ist Obama an der Reihe. Sie habe ihn gewählt, ihm vertraut, doch als er zur Ruhe aufrief, nachdem eine Grand Jury den Polizisten Darren Wilson entlastet hatte, da sah sie am Fernseher einen Präsidenten, der merkwürdig distanziert wirkte. Als habe er bloß vom Teleprompter abgelesen, als seien Worte aus seinem Mund geflossen, an die er selber nicht glaubte. "Hoffentlich zeigt Obama bald mal, dass er sich sorgt. Wird höchste Zeit, dass er sich hier mal blicken lässt." Und die Plünderer? "Die waren nicht von hier, ich kenne mein Viertel doch, so was würde mir keiner antun."

Szenenwechsel. In der Greater St. Mark Family Church steht Michael Brown Senior hinter einem Wald von Reportermikrofonen und sagt kein einziges Wort. Der Vater Mike Browns, des erschossenen Teenagers, sei zu aufgewühlt, vielleicht treffe er in seinem Schmerz nicht den richtigen Ton, erklärt sein Anwalt das Schweigen. "Was auf die Anklagebank gehört, ist dieses Verfahren", sagt Benjamin Crump über das Procedere einer Grand Jury, die Wilson hinter verschlossenen Türen freisprach, statt grünes Licht für einen Prozess zu geben, der live im Fernsehen übertragen worden wäre, wie es bei Fällen dieses Kalibers in Amerika üblich ist. Statt einen neutralen Sonderermittler einzusetzen, habe man Robert McCulloch, einen Staatsanwalt mit ausgewiesener Nähe zur Polizei, eine Ein-Mann-Show abziehen lassen. Kein Jurist der Gegenseite habe kritisch nachfragen, keiner einen Augenzeugen ins Kreuzverhör nehmen können. "Eine Farce", beschwert sich Crump und verlangt, dass künftig alle Polizisten des Landes Videokameras am Hemd oder an der Jacke tragen, damit lückenlos transparent wird, was immer sie tun.
Es ist die Geheimniskrämerei der Geschworenen-Runde, mehr noch als der De-facto-Freispruch an sich, die schwarze Amerikaner derart in Rage bringt. Jimmie Matthews, ein Immobilienmakler, der in der Kirche Flugblätter verteilt, weil er an die Spitze des Stadtrats von St. Louis gewählt werden möchte, spricht verbittert von Plantagenjustiz. Habe das Opfer dunkle Haut, glaube man auf ein faires Verfahren verzichten zu können, "wir sind ja nur die Enkel von Sklaven". Dass Wilson aus Angst um sein Leben zur Waffe griff - es gibt inzwischen nicht wenige in Ferguson, die ihm das glauben. Was nichts ändert am tief verwurzelten Misstrauen gegenüber einer Staatsgewalt, von der sich Afroamerikaner, vor allem junge, per se diskriminiert, schikaniert, nicht verstanden, nicht ernst genommen fühlen. Die Stimmungslage ist differenziert.

Al Sharpton, der streitbare Bürgerrechtsprediger aus New York, kündigt Widerstand an. Er erinnert an Rodney King, den schwarzen Autofahrer, den Polizisten in Los Angeles fast zu Tode geprügelt hatten. Obwohl die Beamten nichtschuldig gesprochen wurden und prompt schwere Unruhen ausbrachen, war es der Beginn eines Umdenkens: Heute sind Schwarze (und Latinos) im Los Angeles Police Department so vertreten, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. "Wir sind noch nicht am Ende", sagt Sharpton. "Wir haben die erste Runde verloren, aber der Kampf ist noch nicht vorbei."

Wilson wiederum wiederholt in einem TV-Interview mit George Stephanopoulos, dem früheren Sprecher Bill Clintons, was er bereits intern zu Protokoll gegeben hatte. Nur dass er es noch ein bisschen ausmalt. Als Brown durchs offene Fenster seines Streifenwagens auf ihn einschlug, habe er sich gefühlt wie ein Fünfjähriger im Clinch mit Hulk Hogan, dem zwei Meter großen Wrestler. Er habe die enorme Kraft dieses Mannes gespürt, er habe gefürchtet, jeder weitere Schlag könne ihn ohnmächtig werden lassen, und in höchster Not geschossen. Warum er dem Achtzehnjährigen nachlief, als der, zweimal getroffen, endlich von ihm abließ? "Es ist nicht mein Job, dazusitzen und abzuwarten", sagt Wilson. "Es ist mein Job, die Verfolgung aufzunehmen."