Rosige IT-Zeiten? Nicht ganz

Potsdam. Die Bundesregierung will Deutschland in der Informationstechnologie (IT) auf dem Weltmarkt besser positionieren und gezielter in Zukunftsprojekte investieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich dafür aus, die klassischen Industrien stärker mit der IT-Branche zu vernetzen und in der Gesellschaft eine "Freudigkeit an Innovationen" zu wecken.

Wenn Hasso Plattner über seinen privaten, stiftungsfinanzierten Forschungsstandort spricht, hört sich das an wie der Bericht aus einer anderen Welt: 360 Studenten studieren an seinem Institut in Potsdam, 50 Professoren und Dozenten lehren dort, es gibt neue Hörsäle in schicken Backsteingebäuden und beste technische Ausstattung - drei Bewerber ringen um einen Studienplatz. Traumhafte Idylle fernab von den sonstigen Bedingungen der forschenden Außenwelt. Als Mäzen schuf Plattner 1998 seine eigene Uni, an der nun modernste Softwaresystemtechnik gelehrt, entwickelt und in den Markt eingeführt wird. "Wer hier studiert, hat einen Job sicher", weiß Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) stolz zu berichten. Es lag also nahe, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern den ersten nationalen IT-Gipfel mit den Spitzen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft genau an dieser makellosen Einrichtung veranstaltete. Ein Signal der Kanzlerin: Die Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche hat etwas zu bieten. Und sie wird für den Standort Deutschland immer wichtiger. Rosige Zeiten? Nicht ganz. Zwar setzt die Branche inzwischen satte 146 Milliarden Euro jährlich um und beschäftigt 800 000 Menschen. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt bereits 6,2 Prozent, das kratzt an Marken der Automobil- oder Chemieindustrie. Doch die Sparte stöhnt: "Es gibt zu wenige junge Menschen, die sich noch für Technik begeistern", beklagt der Präsident des Fachverbandes "Bitkom", Willi Berchtold, den massiven Nachwuchsmangel. Seit dem "Internetboomjahr" 2000 ist die Zahl der Studienanfänger im Bereich Informatik um mehr als 26 Prozent zurückgegangen; die Abbrecherquote beträgt 50 Prozent, und nur zehn Prozent der Studierenden sind Frauen. Der Nachwuchs fehlt den Unternehmen daher jetzt schon an allen Ecken und Enden. Und durch das neue Zuwanderungsgesetz wird laut "Bitkom" der Zuzug von qualifizierten ausländischen Fachkräften eher verhindert als erleichtert. Schon warnen die Experten, der Standort Deutschland könnte wieder mal einen Bereich mit Perspektive ans Ausland verlieren. In den vergangenen Jahren sei kein Bewusstsein dafür geschaffen worden, "dass die IT-Branche eine ganz zukunftsträchtige Branche ist", beklagt Telekom-Chef René Obermann im Gespräch mit unserer Zeitung. Und: "Wir hätten in den vergangenen Jahrzehnten mehr für die Ansiedlung von führenden Unternehmen tun müssen und das Feld nicht den Amerikanern überlassen dürfen." Für Obermann ist klar: Industrie und Politik müssten jetzt an einem Strang ziehen. Angela Merkel sieht dies ähnlich. Die Kanzlerin hat das komplizierte und breit gefächerte IT-Thema zur Chefsache gemacht. Schließlich bleibt kaum mehr ein Bereich von der modernen Kommunikationstechnik verschont - ob der private, ökonomische oder behördliche. Beim gestrigen Gipfel tagten acht hochkarätig besetzte Arbeitsgruppen aus Ministern und Spitzenkräften der Branche zur Zukunft der Informationstechnologie im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich. Merkel mahnte: Strategisch richtige Entscheidungen könnten über Jahre Marktführung bedeuten - siehe Mobilfunk. Die Bundesregierung will nun die Informationstechnologie-Branche in den nächsten drei Jahren mit 1,2 Milliarden Euro fördern. Die Mittel seien Teil der rund 15 Milliarden Euro, die im Rahmen der High-Tech-Strategie der Bundesregierung bis 2009 ausgegeben werden, hieß es gestern. Zugleich will man gemeinsam mehr für die Nachwuchsgewinnung tun, wie man in einer "Potsdamer Initiative" vereinbarte. Für den weiteren Erfolg der Branche wird aber noch mehr benötigt: "Eine Freudigkeit an Innovation wird in der gesamten Gesellschaft gebraucht", sagte die Kanzlerin. Die Unternehmen müssten daher versuchen, "alle Altersgruppen" an die Kommunikationstechnik heranzuführen.KOMMENTAR