Rost unterm Hochglanz-Lack

Schade eigentlich. Der Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg bezog seinen Nimbus und seine Beliebtheit im Wesentlichen aus dem Umstand, dass er nicht auftrat wie ein Politiker.

Sondern offen, klar, unverquast, ehrlich. Aber da, wo es ihn selbst betrifft, greift der Mann, der in Krisenfällen so deutlich zu reagieren weiß - der Kapitän der Gorch Fock kann ein Lied davon pfeifen - zum klassischen Dreisatz des politischen Rückzugsgefechts. Erstens: alles empört zurückweisen. Zweitens, wenn die halbe Wahrheit raus ist: ein paar Fehlerchen einräumen, runterspielen und den Rest als Kampagne des politischen Gegners brandmarken. Drittens, wenn dann doch die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt: den Zerknirschten spielen, sich entschuldigen und auf kollektiven Gedächtnisverlust setzen. Aber eine Schmierenkomödie bleibt auch dann eine solche, wenn ein begnadeter Staatsschauspieler sie aufführt.

Nun kann man mit Fug und Recht darauf hinweisen, dass ein Doktortitel, so bedeutend er in der Wissenschaft sein mag, keinerlei automatische Extra-Qualifikation für den Beruf Minister, Richter, Redakteur oder Taxifahrer bedeutet. Mithin also, im Umkehrschluss, dass der eher trickreiche Erwerb der Promotion nicht zwangsläufig dazu führen muss, dass man einen rauswirft, der sonst einen guten Job macht. Schließlich, so hat die Kanzlerin gesagt, sei zu Guttenberg ja nicht als wissenschaftlicher Assistent eingestellt.

Abgesehen davon, dass einem Bewerber um eine Pförtnerstelle im Kanzleramt schwerlich so viel Toleranz entgegengebracht würde, ist das auch sonst eine höchst gefährliche Argumentation. Politik lebt von der Glaubwürdigkeit ihrer Protagonisten. Jemand, der sich selbst so lustvoll als makelloser Supermann inszeniert wie zu Guttenberg, provoziert andere dazu, am Lack zu kratzen. Und wenn darunter Rost zum Vorschein kommt, ist das ziemlich desillusionierend.

Zudem verschätzt sich Merkel böse in der Stimmungslage der gutbürgerlichen CDU-Stammklientel. Die Speerspitze der Anti-Guttenberg-Bewegung ist nämlich keineswegs die linke Kampfpresse, sondern die alte Tante FAZ - also das Pflichtblatt all derer, die ihre Doktorarbeiten geschrieben haben, bevor man via Internet abgleichen konnte, woher welche Textstellen stammen. Gerade das Publikum, das konservative Werte schätzt, wird es dauerhaft übel- nehmen, wenn die Christdemokraten so tun, als sei es ein Kinkerlitzchen, sich einen akademischen Titel zu erschleichen, der einem nicht zusteht. Genau Letzteres hat der Verteidigungsminister mit seiner Kelkheimer Rede übrigens eingeräumt.

Mag sein, dass er das im Windschatten der Bildzeitung und seiner Parteifreunde überlebt. Sein Nimbus ist allemal futsch, die Marke Guttenberg schwer beschädigt. Wie man aus einem Skandal gestärkt hervorgehen kann, hat Margot Käßmann demonstriert. Größe kann auch darin bestehen, zeitweilig den Platz im Rampenlicht zu räumen. Aber das fällt Politikern schwer. Und da ist Karl-Theodor zu Guttenberg eben trotz allen Glanzes nur einer von vielen.

d.lintz@volksfreund.de

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