Rote Tränen

TRIER. Sie verbrennen ihre Haut mit Zigaretten, schlagen bis zur Ohnmacht mit dem Kopf an die Wand, beißen sich in den eigenen Körper, bis es blutet: Selbstverletzendes Verhalten, kurz SVV, hat viele Gesichter. Eines davon ist das der "Ritzer".

Immer schlechter in der Schule, dazu Stress zu Hause. Manchmal auch sexueller Missbrauch, traumatisierende Gewalterlebnisse in der Familie, Vernachlässigung. "Damals begann ich, mir meine Fingernägel so lange in die Hand zu bohren, bis sie blutete", berichtet Jessie. Zwei Jahre später - sie ist nun 13 - ist sie auf das Messer umgestiegen. "Das mit den Zähnen nahm ich am liebsten. Erst die Spitze reinbohren, so fest es geht, dann anziehen." "Rote Tränen", eine Metapher für das fließende Blut, sind die Folge der mitunter bis auf die Knochen gehende Schnitte. Die Krankheit lässt Betroffene oft über Jahre nicht los. Schätzungen gehen davon aus, dass es 800 000 Betroffene in Deutschland gibt. Das Verhältnis von Mädchen und Jungen beträgt fünf zu eins. Menschen, die sich selbst verletzen, können häufig nicht mit ihren Gefühlen umgehen. Meist begleiten starke Angstgefühle und Aggressionen das SVV. Es entsteht ein Druck, der beispielsweise mit dem Ritzen entweicht - dem Schneiden mit einem scharfen Gegenstand in den eigenen Körper. "Ich setze die Nagelschere an, Schmerzen, so unerträgliche Schmerzen. Aber sie verdrängen die Schmerzen, die mir meine Eltern in meinem Innern zugefügt haben", berichtet ein Mädchen. Die Verwundungen sind zugleich ein Schrei nach Hilfe. Prominente Betroffene: Prinzessin Diana, die vor vielen Jahren in einem Fernsehinterview gestand, sich absichtlich in den Unterarm zu schneiden. Solche öffentlichen Bekenntnisse können Folgen haben. "Scheinbar hat bei Jugendlichen das Problem zugenommen", sagt Privatdozent Dr. Alexander Marcus, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Trierer Mutterhaus. "Es kann aber auch sein, dass man es mehr zur Kenntnis nimmt." Auch die Leiterin des CTT-Jugendhilfezentrums Haus auf dem Wehrborn in Aach (Kreis Trier-Saarburg) sagt, dass die Fallzahlen zugenommen haben. "Die Hälfte bis zwei Drittel unserer Jugendlichen ritzt sich", sagt sie und erklärt die Zahlen mit "posttraumatischen Belastungsstörungen". Betroffene schütten ihr Herz im Internet aus

Tatsächlich sind die Internetseiten voll von Lebens- und Erfahrungsberichten, in denen Betroffene ihr Herz ausschütten. Was aber durchaus zu SVV-Nachahmern führen kann. "Das SVV-Forum im Internet zieht mich voll runter", beklagt sich eine Chatterin über das so genannte "Triggern" - das Auslösen oder Verstärken des Wunsches, sich infolge des Lesens der Lektüre selbst zu verletzen. Was tun, um vom Ritzen weg zu kommen? "Es muss abgeklärt werden, warum es zum selbstverletzenden Verhalten kommt und abgegrenzt werden zu anderen Erkrankungen wie beispielsweise zu autistischen Störungen", sagt Marcus. Gefragt werden müsse: "Was ist der Motor hinter dem Verhalten?" Dem Betroffenen müssten andere Spannungslösungen aufgezeigt werden und Strategien wie die Disko, der Waldlauf oder laute Musik gesucht werden. Ein Fortschritt sei es auch, wenn die Häufigkeit des SVV gesenkt werden könne. Medikamentös müsse sehr vorsichtig vorgegangen werden, hilfreich seien bestimmte Therapien. "Ich sitze fast jeden Tag in meinem Zimmer, das Messer in der Hand, und versuche, mich dagegen zu wehren. Ich kann nur jedem raten, jede Hilfe anzunehmen. Alleine wird es nur noch schwerer", sagt Michelle. Infos im Internet mit weiteren Links unter: www.versteckte-scham.de; www.rotetraenen.de. Fragen zum Thema? Mailen Sie uns: familie@volksfreund.de

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