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Kirche
„Den Mantel des Schweigens ausgebreitet“

Frost überzieht ein Wegekreuz: Die Deutsche Bischofskonferenz hat am Denstag in Fulda die Ergebnisse der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ vorgestellt.
Frost überzieht ein Wegekreuz: Die Deutsche Bischofskonferenz hat am Denstag in Fulda die Ergebnisse der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ vorgestellt. FOTO: dpa / Felix Kästle
Trier . Die kirchlichen Verantwortlichen in Trier sind erschüttert über den anhaltenden Missbrauch. Sie versprechen mehr Transparenz. Von Bernd Wientjes

Schockiert. Erschüttert. Verharmlost. Vertuscht. Immer wieder verwendet Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg diese Worte, als er über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im Bistum Trier redet. Es gebe „nichts zu beschönigen oder zu beschwichtigen“. Die Bistumsverantwortlichen seien oft unangemessen „mit den Betroffenen und ihrem Leid“ umgegangen. Der Schutz der Täter, also der Priester, die Kinder und Jugendliche missbraucht haben, habe auch im Bistum Vorrang gehabt vor dem Schutz der Opfer und vor der Fürsorge für die Missbrauchten. „Priester, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt waren, wurden einfach nur an einen anderen Ort versetzt und durften weiter Seelsorger sein.“ Tatsächlich hat es bei 148 Beschuldigten seit 1946 nur sechs Entlassungen von Priestern gegeben.

Es sind überraschend deutliche Worte, die von Plettenberg während der rund einstündigen Pressekonferenz ergreift. Trotz der offenkundigen Betroffenheit stellt sich allerdings die Frage, warum es erst jetzt diese Selbsterkenntnis gibt. Dass es Missbrauch in der katholischen Kirche und auch im Bistum Trier gegeben hat, ist nicht neu. Immer wieder haben Opfer darauf hingewiesen, haben Aufklärung und vor allem ein Bekenntnis von den Bistumsverantwortlichen, allen voran Bischof Stephan Ackermann, verlangt. Doch „wir haben den Mantel des Schweigens über die Taten gedeckt“, gesteht der Generalvikar ein. Man habe beschwichtigt. Acht Jahre nach Bekanntwerden der ersten Fälle hat das Bistum 475 500 Euro an Opfer gezahlt – „nicht aus Kirchensteuermitteln“, wie von Plettenberg betont. 140 Betroffene sexuellen Missbrauchs durch Priester haben sich seit 2010 beim Bistum gemeldet, 96 von ihnen sind entschädigt worden. Beendet sei der Skandal immer noch nicht, sagt von Plettenberg. In diesem Jahr haben sich bislang zwei weitere Opfer beim Bistum gemeldet.

Die Täter hätten sich gezielt Minderjährige ausgesucht, die entweder keinen Rückhalt in ihrer Familie gehabt hätten, also etwa Heimkinder, oder von denen sie geglaubt hätten, sie seien zurückgezogen, hätten wenig Kontakt zu anderen, sagt die Psychotherapeutin Dorothee Lappehsen-Lengler. Sie leitet die telefonische Hotline des Bistums, an die sich Betroffene wenden können. Die Priester hätten als Autoritätsperson „das Wertesystem der Minderjährigen“ verwirrt, indem sie die Straftaten als besondere Vergünstigung oder gar Liebe dargestellt hätten. „Oder sie unterstützten eine Familie finanziell, ließen das Geld monatlich durch den Sohn abholen und nutzten diese Gelegenheit zu sexueller Gewalt“, so die Psychotherapeutin.

Die Opfer wurden nach Ansicht der Expertin durch den Missbrauch dauerhaft geschädigt. Manche begegneten Menschen generell mit Misstrauen. „Was das für eine spätere Partnerschaft bedeutet, kann sich jeder vorstellen“, sagt die Psychotherapeutin. Viele seien auch suchtkrank, nähmen Alkohol und Drogen, um zur Ruhe zu kommen. Einige litten an Depressionen sowie an Scham- und Schuldgefühlen: „Um es auf den Punkt zu bringen: Es schämen sich die Falschen, und es fühlen sich die Falschen schuldig“, sagt Lappehsen-Lengler.

Doch welche Lehren zieht das Bistum nun aus den Erkenntnissen? Von Plettenberg hat darauf keine eindeutige Antwort. Man müsse an der „Kultur der Achtsamkeit“ arbeiten und prüfen, wie man die Aufar!beitung glaubhafter machen kann. Bei der Priesterausbildung müsse man verstärkt darauf achten, dass die jungen Männer sich intensiver mit der eigenen Sexualität auseinandersetzten. Allerdings gebe es dafür noch kein endgültiges Konzept, sagte der Generalvikar. Und: „Wir müssen unseren Umgang mit Macht infrage stellen.“ Die Vielzahl der Leitungsfunktionen und auch Priester im Bistum habe möglicherweise dazu beigetragen, den Missbrauch zu verharmlosen und zu vertuschen. Die geplante Vergrößerung der Pfarreien und damit die Verringerung von Leitungsfunktionen und die Verteilung von Aufgaben auf mehrere Personen könne zu mehr Transparenz beitragen, glaubt von Plettenberg.

Der Präventionsbeauftragte des Bistums, Andreas Zimmer, formuliert das klare Ziel, „dass unsere Einrichtungen künftig keine Tatorte mehr werden können“. So seien bislang 18 000 hauptamtliche Mitarbeiter und Priester entsprechend geschult worden, um sexuelle Gewalt „besser zu verstehen, Täterstrategien kennenzulernen, Folgen für Betroffene besser zu verstehen“. Zimmer glaubt, dass durch die Schulungen die Mitarbeiter sensibler geworden seien, es werde mittlerweile früher eingegriffen und „damit Schlimmeres verhindert“.

Das Bistum hat bis Freitag täglich von 14 bis 20 Uhr eine Hotline für Betroffene sexuellen Missbrauchs geschaltet. Sie ist erreichbar unter 0800/0005640.

Video-Interviews mit der Psychotherapeutin Dorothee Lappehsen- Lengler und Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg sehen Sie unter: www.volksfreund.de/videos