Sätze mit Sprengkraft

BERLIN. Angebliche Zweifel des CSU-Chefs Edmund Stoiber an der Regierungsfähigkeit von Angela Merkel und Guido Westerwelle haben für große Unruhe bei CDU und FDP gesorgt. Nach Berichten des "Münchner Merkur" hält der bayerische Ministerpräsident Merkel und Westerwelle nicht für das "Duo der Zukunft".

Gut zwei Wochen ist es her, da flötete CSU-Chef Edmund Stoiber der CDU-Kollegin Angela Merkel voller Inbrunst "die besten Wünsche" ins Ohr. "Wir sind immer an Ihrer Seite", sagte Stoiber auf Merkels Geburtstags-Empfang, und "alles, was Sie sich vornehmen, möge in Erfüllung gehen". Kurz darauf saßen die beiden Unions-Granden auch bei den Bayreuther Festspielen einträchtig nebeneinander, und nichts, so schien es, konnte die Harmonie ernsthaft stören. Nun plötzlich sieht es aus, als sei alles nur schöner Schein. Glaubt man dem "Münchner Merkur", der seit Jahrzehnten über beste Kontakte zur CSU verfügt, dann hat es am Mittwoch vergangener Woche bei einer Sitzung der CSU-Führung böse Spitzen gegen Merkel und den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle gegeben. In allgemeiner Form habe sich der Ministerpräsident und Ex-Kanzlerkandidat über den Zustand der Union aufgeregt, die dabei sei, ihre hervorragende Position in den Umfragen einzubüßen. Dabei habe sich Stoiber Merkel und Westerwelle vorgeknöpft, die sich fälschlicherweise als "Duo der Zukunft" begreifen würden. Dabei könnten sie "Schröder und Fischer nicht das Wasser reichen"."Solche Ausdrücke sind garantiert nicht gefallen"

Ein Satz mit Sprengkraft - der alsbald dementiert wurde. Auch andere angebliche Stoiber-Zitate ("Die Union wird es schwer haben, mit einer ostdeutschen Protestantin und einem Junggesellen das bürgerliche Lager zu erreichen") wurden rundweg abgestritten. CSU-Generalsekretär Markus Söder: "Das stimmt nicht." CSU-Vize Host Seehofer: "Solche Ausdrücke sind garantiert nicht gefallen." Was nicht klar dementiert wurde, war die Tendenz des Artikels. Sie passt genau zu Aussagen, die Stoiber schon in ähnlicher Form gemacht hat. Kenner der bayerischen Verhältnisse wissen, dass Stoiber schwer daran zu schlucken hatte, bei der Bundestagswahl 2002 gegen Kanzler Gerhard Schröder verloren zu haben - und dass er die Hoffnung nicht aufgegeben hat, diese Scharte auszumerzen. Allerdings hat auch der CSU-Chef zur Kenntnis nehmen müssen, dass Rivalin Merkel zur Nr. 1 aufgestiegen und ihre Kanzlerkandidatur 2006 kaum zu verhindern ist. Merkel sagte kürzlich in kleinem Kreis, Stoiber warte darauf, dass sie einen Fehler mache. Auch der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach meinte gestern, er glaube nicht, dass Stoiber die Kanzlerkandidatur endgültig aufgegeben habe. Lange schon rätseln Freund und Feind, welche Motive den CSU-Chef bewegen. Überrascht wurde registriert, dass Stoiber höchste Würden ausgeschlagen hat (Bundespräsident, EU-Kommissionspräsident) - um was zu werden? Mehrfach wurde darüber spekuliert, der Bayer strebe das Amt eines "Superministers" an. Doch so mancher in der CSU mag nicht glauben, dass sich Stoiber, der nur Franz Josef Strauß als Autorität akzeptiert hat, in die zweite Reihe einordnen wird. Auf jeden Fall hat die CSU mit dieser Entwicklung, die auch den Unionsstreit um Gesundheits- und Steuerreform umfasst, die Regie im Sommertheater übernommen. Angesichts des grassierenden Unmuts über Hartz IV gilt das nicht nur in Berlin als stolze Leistung. Die FDP-Präsidin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schimpfte, Stoiber mache die gute Ausgangsposition von Union und FDP bei der Bundestagswahl "kaputt". CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sagte, er habe von seinem Kollegen Söder erfahren, dass die Stoiber zugeschriebenen Bemerkungen nicht gefallen seien. Damit sei die Sache für ihn erledigt.