Schießbefehle kommen keine mehr

Schießbefehle kommen keine mehr

Der Mauerfall am 9. November 1989 war ein historischer Glücksfall. Unser Hauptstadt-Korrespondent Werner Kolhoff, damals Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD), schildert in dieser TV-Serie bis zum 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den Tag des Mauerfalls.

9. November 1989: Wir sind vorgewarnt. Gegen Mittag erhält der Regierende Bürgermeister Walter Momper während einer Sitzung im Reichstagsgebäude aus Ost-Berlin den Hinweis eines westdeutschen Korrespondenten, dass das Zentralkomitee heute angeblich erneut über das Reisegesetz beraten werde. Kurz danach werde auch ich von einer ZDF-Journalistin angerufen, die Ähnliches gehört hat. Wir ahnen nun, dass sich die Dinge beschleunigen können. An diesem Donnerstagmittag liegt der Reichstag so verschlafen im Schatten der Mauer, wie er es seit dem 13. August 1961 getan hat. Ein paar Touristen am Brandenburger Tor, dahinter der DDR-Kontrollstreifen, auf dem Kaninchen grasen und Grenzer mit geschultertem Gewehr patrouillieren. In meinem Büro im Rathaus Schöneberg warte ich auf Nachrichten aus Ost-Berlin.

Am frühen Abend, überträgt das DDR-Fernsehen die Pressekonferenz von Günter Schabowski, der über das ZK-Treffen berichtet. Kurz vor 19 Uhr kramt der Ost-Berliner SED-Bezirkschef einen Zettel raus. Er liest stockend. "Privatreisen können, äh, ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden, äh, kurzfristig erteilt." Er liest wie einer, der seinen Text nicht kennt. Ab wann das gelte, fragt ein Reporter. "Nach meiner Kenntnis, äh, ist das sofort, unverzüglich", sagt Schabowski. Und fügt dann noch hinzu, dass dieser Beschluss für das Verschwinden der Mauer noch gar nichts bedeute. Ich rufe Walter Momper an, sage: "Ich glaube, das ist es.". Walter Momper sagt: "Ja. Wie sollen die dahinter zurück?" Ab diesem Moment beginnt die Zeit zu rasen. Ich rate Momper, sofort zum SFB zu fahren, wo gleich die "Abendschau" beginnt, Berlins wichtigste Regionalsendung, die auch von vielen in Ost-Berlin gesehen wird. Danach erst rufe ich die Redaktion an. Die zögert keine Sekunde, als ich sage, der Regierende Bürgermeister sei auf dem Weg ins Studio, er wolle direkt zu den Berlinern sprechen.

Um halb acht ist Momper auf Sendung. Er sagt: "Das ist der Tag, auf den wir 28 Jahre lang gewartet haben. Alle DDR-Bürger können zu uns kommen und uns besuchen. Dies ist ein Tag der Freude für Berlin." Und er bittet die Gäste aus Ost-Berlin: "Benutzen Sie die U- oder S-Bahn." Im Nachhinein ist es wohl diese Art der Ansprache zwischen Pathos und Pragmatismus, die viele Ost-Berliner erst neugierig werden lässt. Die ersten machen sich auf den Weg zur Grenze, um zu gucken, was da los ist.

Ich bekomme laufend die Polizeimeldungen gereicht. Um 20.20 Uhr heißt es: "Pressevertreter an der Mauer". Um 20.34 dann: "Circa 60 Personen mit friedlichem Verhalten an der Übergangsstelle Chausseestraße". 21.19 Uhr: "Fahrzeugschlange von 100 Trabis auf der Ostseite der Bornholmer Straße". 21.42 Uhr: "Die ersten Ost-Besucher rollen herein, haben Ausweise mit Stempeln". Wie sich später herausstellt, sind es Stempel, mit denen die Grenzer die Pässe ungültig machen und die DDR-Bürger ausbürgern wollten.

In der Tür zu meinem Büro steht plötzlich Ralf Hirsch, ein 1988 aus der DDR ausgewiesener Bürgerrechtler, der für uns die Kontakte zu den Oppositionellen vermittelt. "Kann ich helfen?", fragt er. Er kann. Telefone bedienen, zum Beispiel. Ralf Hirsch ist gegen Mitternacht einer der wenigen, der in die Gegenrichtung gehen wird. Von West nach Ost. Nach Hause.

Wir haben für 22 Uhr eine Sondersitzung des Senats einberufen. Vertreter der Verkehrsbetriebe sind anwesend. Sie erklären, dass sie den Ansturm bewältigen können, wenn sie nach dem Smog-Alarm-Plan fahren. Das heißt: Alles was rollen kann, kommt auf die Schiene und die Straße. Es gibt nur noch 400 Plätze für Flüchtlinge. Wir werden kurzfristig weitere Turnhallen bereitstellen. Die Sonderzeitung für die DDR-Touristen ist in Arbeit. Die Banken sind bereit, die Auszahlung des Begrüßungsgeldes zu übernehmen und haben genügend Scheine in den Tresoren. Zum Schluss wird eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses für den nächsten Tag beschlossen. Walter Momper fährt erneut zum SFB, wo inzwischen eine Dauer-Live-Sendung stattfindet. Kurz nach 23 Uhr verabschiedet er sich daraus mit den Worten "Mein Platz ist jetzt woanders". Dann klingelt mein Telefon: "Komm zur Invalidenstraße", sagt Momper. Wir treffen fast gleichzeitig an dem Grenzübergang ein. Vom Übergang Bornholmer Brücke meldet die Polizei um 23.37 Uhr: "Praktisch offen. Von Ost nach West Menschenstrom wie die Ameisen". Und auch hier, näher am Stadtzentrum, sieht es nicht anders aus. Jubelnde und weinende Menschen kommen uns entgegen, die West-Berliner trommeln den Trabis aufs Dach.

Walter Momper läuft geradewegs in den Kontrollpunkt hinein. Ein Hauptmann der DDR-Grenztruppen steht in dem Chaos. "Halt, da dürfen Sie nicht durch", fährt er Momper an. "Führen Sie mich zu Ihrem Schichtleiter", sagt Momper. Der Mann gehorcht und geht voraus. Doch kaum sind wir in die Nähe der Baracke gekommen, verschwindet unser Hauptmann plötzlich und mit ihm alle seine Kollegen. Der Kontrollpunkt ist nun völlig sich selbst überlassen. Momper stellt sich auf einen Tisch. Ich gebe ihm ein Megaphon hoch. "Bei aller Freude, machen Sie bitte den Kontrollpunkt frei. Lassen Sie die Trabis durch", ruft er den Menschen zu. Es ist eine absurde Szene. Die Leute johlen bei jedem Wort und prosten sich noch begeisterter zu. Im Hintergrund sehe ich einen Bus. Erst Jahre später erfahre ich, dass darin 40 Elitesoldaten der Volksarmee gesessen haben, die aus Potsdam hergeschickt worden sind, um wieder für Ordnung zu sorgen. Mit Waffengewalt. Sie warten auf Befehle. Doch die kommen nicht mehr.

Wir laufen zurück auf die West-Berliner Seite. Momper steigt in einen Polizeibus und telefoniert. Mit dem Polizei-Präsidenten, mit den Alliierten. Wir haben Angst, dass es irgendwo zu Gewalt kommen könnte. Am Brandenburger Tor haben die Menschen die Mauer von Westen her gestürmt, und die Grenzer nehmen eine drohende Haltung ein. Wir schicken Polizei hin, um die Leute zurückzuhalten.

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