Schlimme Dinge sind kein Tabuthema

Schlimme Dinge sind kein Tabuthema

Als im November 1995 im Polizeipräsidium Trier erstmals eine betriebliche Sozialberatung eingerichtet wurde, ging es vor allem um Suchtprävention. Die Arbeit hat sich seither deutlich verändert: Dienstprobleme, Erkrankungen und schwere Krisen von Polizisten und Beschäftigten gehören längst zum Themenspektrum.

Trier. Hartmut K. war immer gerne Polizist, auch wenn er in 30 Jahren Dienstzeit viel Leid und Gewalt erlebt hat. Seit vor drei Wochen sein Streifenkollege schwer verletzt worden ist, als sie gemeinsam den nächtlichen Streit vor einer Kneipe schlichten wollten, ist aber alles anders: Bei jedem Funkruf bricht dem erfahrenen Beamten der Angstschweiß aus. Schlaf findet er kaum noch.
Diese Geschichte von Hartmut K. ist zwar fiktiv. Sie steht dennoch beispielhaft für Probleme, mit denen Sozialarbeiter Peter Behles und seine Kollegen von der Sozialberatung beim Polizeipräsidium Trier zunehmend konfrontiert werden. "Wenn jemand 30 Jahre lang im Schichtdienst ist und dabei viel Tod, Elend und Gewalt erlebt hat, ist irgendwann das Fass voll", sagt der 60-Jährige, der sich seit mehr als 20 Jahren um die Betreuung und Beratung von Polizeibeamten und Beschäftigten kümmert. Er ist Ansprechpartner für 1400 Menschen und deren Angehörige, wenn es um klassische psychosoziale und dienstliche Probleme geht. Aber auch die Unterstützung in schweren Krisen, bei Erkrankungen, Beziehungsproblemen und nach hoch belastenden Ereignissen gehören zu seinem Alltag. Es geht oft um sehr persönliche und sensible Dinge. Um Anonymität gewährleisten zu können, liegt sein Büro deshalb abseits der Polizeidienststellen, um Anonymität zu gewährleisten. "Wer zu mir kommt, wird nicht gesehen. Häufig will er auch nicht gesehen werden." Häufig ist Behles in dem 6000 Quadratkilometer großen Zuständigkeitsgebiet des Polizeipräsidiums Trier auch mit dem Auto unterwegs.
Von den möglichen Folgen psychischer Belastungen kann auch Hauptkommissar Siggi Müller berichten. Der 47-jährige Polizist ist einer der zwölf speziell geschulten "Sozialen Ansprechpartner", die den Diplom-Sozialarbeiter und Familientherpeuten Behles in den Polizeidienststellen des Präsidiums unterstützen. "Ich erlebe die Kollegen, wie sie von einem schlimmen Einsatz kommen", sagt Müller, der bei der Polizeiinspektion Trier arbeitet. "Die Belastung ist einfach größer geworden. Und auch die Angst nimmt zu. Es ist einfach nicht kalkulierbar, was aus einer Menge heraus passiert."
"Wer schießt aus fünf Metern?"


Davon berichtet auch Dieter Engemann, Mitglied im Landesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP), die darauf drängt, Elektroimplusgeräte, sogenannte Taser, nicht nur den Spezialkräften zur Verfügung zu stellen: "Vor allem die Furcht vor Messerangriffen hat bei den Kollegen zugenommen.Ein Polizist darf bei einer Distanz unter zehn Metern schießen. Aber wer schießt schon auf einen Menschen, der fünf Meter vor einem steht. Ein Messerangriff ist oft nicht vorhersehbar und dann kaum abzuwehren."
Doch es seien nicht nur die vielen belastende Einsätze im Laufe der Dienstjahre; auch die enge Personalsituation in den Dienststellen sei für viele Polizisten nur noch auf Kosten der Gesundheit zu schaffen. "Da ist die Balance zwischen Dienst und Erholung aus den Fugen geraten."
Sozialarbeiter Peter Behles, der unmittelbar Polizeipräsident Lothar Schömann unterstellt ist und der Schweigepflicht unterliegt, spricht von einer Spirale der Belastung. "Oft kommen die Leute erst dann zu mir, wenn sie körperlich und psychisch nicht mehr können." Er setzt deshalb auf Siggi Müller und die anderen Sozialen Ansprechpartner. "Die kennen die Besonderheiten des Polizeidienstes und die Alltagsbelastung in allen Facetten. Deshalb sind sie für mich wichtige Ansprechpartner, stellen Kontakte her und bieten Hilfen an."
Doch nicht alles im Polizeiberuf ist schwieriger geworden. Das berichten Behles und Müller übereinstimmend. Vor allem die Ausbildung und das geänderte Selbstverständnis nennen sie als Belege dafür. Müller: "Für die jungen Beamten sind Gewalt und Ekel, zum Beispiel bei einem Leichenfund, zwar noch neu. Ihnen wird heute aber auch vermittelt, dass sie Schwäche zeigen und über belastende Dinge reden dürfen. Dann gehen sie gestärkt aus einem schwierigen Einsatz hervor." Ein Polizist dürfe bei einem Suizid, den er nicht vermeiden könne, auch die Ohren zuhalten und wegsehen. Vor 20 Jahren wäre so etwas noch als Schwäche ausgelegt worden.
Extra

Polizeipräsident Lothar Schömann bezeichnet die Einstellung eines Sozialarbeiters im Polizeipräsidium Trier vor 20 Jahren als Quantensprung in der sozialen Betreuung. "Es bestand damals wie heute eine klare Notwendigkeit und Verpflichtung, sich in dem belastenden Beruf um das psychosoziale Gleichgewicht, gesundheitsbeeinträchtigende persönliche Konflikte und akute Sorgen zu kümmern." r.n.