Schnelle Nummer mit dem Handy

Vielleicht ist es schon die Bezeichnung des Handys, die alles verrät. Die Italiener zum Beispiel, die haben ihr "telefonino". Ach, dieses "telefonino", das klingt doch schon so leicht, so locker, so schnelllebig, das klingt doch schon nach Geschnattere und Getratsche, nach intensiver und andauernder Kommunikation.

Und die Russen? Die haben ein "mobilnik". Das wiederum klingt nun gar nicht leicht und locker, sondern hart und streng. Wie dem auch sei: Der Russe an sich jedenfalls mag es nicht, zu telefonieren. Oder zumindest nicht so zu telefonieren, wie es der Durchschnittseuropäer gewohnt ist. Der Russe telefoniert zwar oft, aber nicht allzu lang. Er hat sein Handy zwar überall angeschaltet, aber drückt immer genervt auf den grünen Kopf, um das Gespräch anzunehmen. Das normale Gespräch beginnt ohne Namen. Der Angerufene nennt ihn einfach nicht, egal ob es sich um einen Kumpel des Anrufers oder um den Angestellten einer höchst offiziellen Behörde handelt. "Allo", wahlweise auch einfach "Ja", faucht der Moskauer in den Hörer, um schon mal deutlich zu machen, dass er das Gespräch am liebsten beenden würde, bevor er es überhaupt angefangen hat. Ohne Nachfrage, ob man denn jetzt überhaupt mit der gewünschten Person spricht, geht es fast nie. Wer danach Worte wie "Guten Tag" hört, kann sich richtig geehrt vorkommen. Aber meistens ist es ziemlich egal, wer sich da am anderen Ende der Leitung befindet. Höflichkeitsfloskeln gibt es keine, Freudensausbrüche erst recht nicht. Der Gemütszustand des Gesprächspartners spielt in der Regel keine Rolle, sondern meistens nur, wo er sich gerade befindet. Dann kommt so viel wie "Pass auf…" oder "Hör mal zu…". Eine kurze Mitteilung; nein, eine kurze Anweisung, das war's. Das Durchschnitts-Handygespräch dauert vielleicht eine halbe Minute. Dann endet es so abrupt wie es begonnen wurde. "Alles? Okay. Dawai!" "Dawai" ist eines der russischen Lieblingswörter überhaupt, immer und überall einsetzbar, um zu sagen, das es jetzt mal schnell gehen müsse. Also auch in diesem Fall: Bitte schnell das Telefonat beenden. Wer Glück hat, hört hinterher noch ein leises "Tschüs", das geht aber meist schon im Drücken des roten Ausschaltknopfes unter. Das Finanzielle erklärt diese Telefon-Sprinterei übrigens nur zum Teil. Handy-Gespräche innerhalb von Moskau beispielsweise sind günstiger als in Deutschland. Die Abzocke fängt allerdings an, sobald man sich einen Meter außerhalb von Moskau bewegt oder ins Ausland anrufen will. Übrigens kann man mit ein bisschen Ironie dieser Gesprächs(un)kultur ja durchaus einen Sinn abgewinnen: Anders als zuletzt mehrfach in Italien geschehen, werden die Skandale in Russland sicher nicht durch das Abhören von Telefongesprächen bekannt - dafür sprechen die Leute hier einfach viel zu wenig per Telefon… Schon während seines Sommer-Semesters in Russland unser Mitarbeiter Johannes Aumüller (22) aus Moskau für die TV-Leser über das russische Leben und die russische Seele berichtet. Es hat ihm dort so gut gefallen, dass er sich entschieden hat, gleich noch ein Semester dran zu hängen. Über seine Erfahrungen berichtet er in loser Reihenfolge in der Rubrik "Mail aus Moskau" und im Intrinet im Weblog: goeast.blog.intrinet.de.

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