Schon wieder ein Mord und (noch) keine Leiche

Schon wieder ein Mord und (noch) keine Leiche

Drei Jahrzehnte lang war der Fall Lolita Brieger ein Vermisstenfall. Seit Freitag ist aus dem spurlosen Verschwinden der damals 18-jährigen Eifelerin ein Mordfall geworden. Allerdings fehlt von Lolita Briegers Leichnam noch jede Spur.

Trier/Scheid. Willi Heinzius, dem Ortsbürgermeister der kleinen Vulkaneifelgemeinde Scheid, ist die Erschütterung auch am Freitagnachmittag noch anzumerken. Am frühen Morgen war die Polizei mit mehreren Einsatzfahrzeugen auf einem Richtung Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen gelegenen Hof am Scheider Ortsrand und hat den 50-jährigen Eigentümer verhaftet. "Wir sind jetzt noch alle platt", sagt Ortsbürgermeister Heinzius, der den Mann seit Jahrzehnten kennt: "Wir sind zusammen groß geworden, haben miteinander sogar die Landwirtschaftsmeisterprüfung gemacht. Er ist ein ganz normaler Mensch."
"Ein ganz normaler Mensch mit einer dunklen Vergangenheit", würde wohl der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer hinzufügen. Der oberste Ankläger in der Region Trier ist sich nämlich ziemlich sicher, dass seine Ermittler einen ganz großen Coup gelandet haben: Der früh verrentete Scheider Landwirt soll ein Mörder sein und vor 29 Jahren seine damals wohl von ihm schwangere Freundin getötet haben. Lolita Brieger galt seit November 1982 offiziell als vermisst, wobei die Ermittler sich zuletzt sicher waren, dass die im benachbarten Frauenkron (Kreis Euskirchen) lebende 18-Jährige einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Und natürlich war auch ihr ehemaliger Freund verdächtig, mit dem spurlosen Verschwinden der jungen Frau etwas zu tun zu haben. Aber außer "einigen kleinen Indizien", die gegen den damals 21-Jährigen sprachen, hatten die Fahnder nichts in der Hand.
Bis am Donnerstag "ein Zeuge", wie der Leitende Oberstaatsanwalt den unbekannten Mann nennt, den entscheidenden Hinweis gab. In einer sich offenbar über Stunden hinziehenden Vernehmung im Trierer Präsidium räumte der Mann ein, dem Scheider Landwirt in jenem November 1982 bei der Beseitigung von Lolita Briegers Leiche geholfen zu haben. Zuvor soll der Freund ihm den Mord gestanden haben.
Die Aussage des Zeugen war offensichtlich so glaubwürdig, dass die Trierer Mordermittler gleich handelten. Nur wenige Stunden später hatten sie einen Haftbefehl in der Hand, der Scheider Landwirt wurde auf seinem von ihm und der Mutter bewohnten Hof festgenommen.
Das Auffälligste an dieser Ruck-Zuck-Aktion: Die Fahnder nahmen sich zunächst nicht einmal Zeit, um nach dem Leichnam Lolita Briegers zu suchen. Über die Hintergründe schweigen sich die Ermittler aus. Der zuständige Staatsanwalt Eric Samel sagt nur: "Wir werden so bald wie möglich mit der Leichensuche beginnen." Und Samels Chef Jürgen Brauer fügt hinzu: "Wir hoffen, dass wir die sterblichen Überreste finden." Eine Aussage, die an den Fall des seit vier Jahren vermissten Eifeler Rentners Walter Klein (69) erinnert. Im Februar wurde Kleins Nachbar wegen Mordes zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt, obwohl der 55-Jährige die Tat stets bestritten hatte und Kleins Leiche nie gefunden wurde.
Auch in diesem Fall schalteten die Trierer Ermittler die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" ein - eine Parallele zum Vermisstenfall Lolita Brieger. Im Fall Walter Klein hatten die Fahnder vor der Ausstrahlung die Wohnung des Tatverdächtigen verwanzt, erhofften sich davon Hinweise auf den Verbleib des Rentners.
Zumindest ähnlich könnte es auch dieses Mal gewesen sein: Mit der groß angelegten Fernseh- und Zeitungsfahndung vor zwei Wochen wollten die Trierer Ermittler offenbar den Druck auf den Scheider Tatverdächtigen und mögliche Mitwisser erhöhen. Die "Daumenschrauben-Strategie", wie ein Ermittler das Vorgehen nennt, hatte offensichtlich Erfolg. Nur ein Geständnis des Verdächtigen und die Leiche Lolita Briegers fehlen noch.