"Schüler probieren immer aus, wie weit sie gehen können"

"Schüler probieren immer aus, wie weit sie gehen können"

Die Münchner Psychologin Mechthild Schäfer forscht seit 16 Jahren zum Thema Mobbing und ist Mitautorin des Buches "Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertig machen!" (erschienen im Rowohlt-Verlag). Im TV-Interview gibt sie Auskunft zum Thema Mobbing.

Trier/München. Mechthild Schäfer, Privatdozentin am Department für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München, weiß einiges über Mobbing. Mit ihr sprach unsere Mitarbeiterin Katja Bernardy.
Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der Mobbing-Forschung?
Schäfer: Früher ging man davon aus, dass Mobbing nur mit Opfer und Täter zu tun hat. Heute weiß man, Mobbing findet in einer Gruppe statt. Es hat mit der Struktur von Schule und Klasse zu tun und muss auch dort gelöst werden.

Gibt es das typische Mobbingopfer?
Schäfer: Nein, empirische Forschungen haben nicht bestätigt, dass es das typische Mobbingopfer gibt. Jeder kann zum Opfer werden! Die Dynamik einer Gruppe ist entscheidend, nicht ob ein Schüler etwa unsportlich, dick oder besonders schön ist. Opfer haben einfach Pech, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Klasse zu sein. Es liegt an der Umgebung. Ein Kind kann in einer Klasse sehr gut zurechtkommen und in einer anderen zum Opfer werden.

Was zeichnet die Täter aus?
Schäfer: In einer Klasse gibt es immer einen bestimmten Anteil von Kindern, die nach Dominanz streben. Manche Kinder sind sehr machtgierig. Sie schaffen es, in der Klasse eine Atmosphäre zu schaffen, in der Mobbing akzeptiert wird. Die Frage ist, wie konsequent das System darauf reagiert.

Wie sollten Eltern sich verhalten, wenn sie erfahren, dass ihr Kind gemobbt wird?
Schäfer: Eltern haben die maximale Verantwortung und können leider am wenigsten tun. Ich wünsche jedem Kind, das gemobbt wird, dass jemand da ist, der sagt: "Du bist nicht schuld!" Eltern sollten mit dem Lehrer sprechen, denn Mobbing muss in der Klasse gelöst werden. Ein weiterer Rat an Eltern ist, dass Kinder, die gesagt bekommen, dass sie nicht hauen sollen, es schwerer in einer Gruppe haben. Denn bei Attacken haben sie große Hemmungen, sich zu wehren.

Welche Rolle spielen die Lehrer?
Schäfer: Klassenlehrer sind sozusagen die Hausherren in der Klasse, und sie entscheiden, wie es dort aussieht. Die ganze Schule sollte an einem Strang ziehen. Eine Form der Prävention ist, gute alte pädagogische Regeln von Anfang an aufzustellen. Etwa, dass man respektvoll miteinander umgeht. Wichtig ist, auf die Einhaltung konsequent zu achten. Denn Kinder probieren immer aus, wie weit sie gehen können, und beobachten genau, wie konsequent das System auf aufgestellte Regeln reagiert. Man muss nicht jeden mögen, aber Respekt voreinander muss da sein. Auch Erwachsene können in einer Gruppe von 25 Personen nicht jeden leiden, aber dennoch müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. kat

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