Schwache Reden vor drohender Kulisse

Schwache Reden vor drohender Kulisse

Der politische Aschermittwoch fiel in diesem Jahr verhaltener aus als sonst - Edmund Stoiber attackiert Merkels Islam-Satz.

Berlin. Dies sei kein Aschermittwoch zum Poltern und Draufhauen, mahnte Ex-Grünen-Chefin Claudia Roth in Landshut, denn die Welt sei voller Gewalt. Aber die CSU drüben in Passau werde sich daran sicher nicht halten. Falsch. Die Christsozialen zeigten beim "größten Stammtisch der Welt", wie sie ihre alljährliche Veranstaltung stolz nennen, sehr wohl Gespür für die heiklen Umstände. Die Lösung hieß: Arbeitsteilung.
Damit Parteichef Horst Seehofer sich und sein Bayern unbeschwert feiern konnte, übernahm Manfred Weber, Chef der christdemokratischen Fraktion im Europaparlament, in der Dreiländerhalle den ernsten Teil. "Die Welt hat sich seit dem letzten Aschermittwoch verändert, leider", sagte er. Und sprach über den Terrorismus, die Ukraine-Krise und Griechenland.
Nur beim letzten Thema konnte er die Erwartung des 4000-köpfigen Publikums nach deftigen Sprüchen erfüllen: "Wir sind nicht bereit, die Wahllügen der Griechen zu bezahlen". Weber scheint eine immer wichtigere Rolle in der CSU einzunehmen, die derzeit nach einem potenziellen Nachfolger für den Ministerpräsidenten sucht.
Der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, "Mister Aschermittwoch" genannt, hieb nach Weber dann weiter auf Griechenland und mehr noch die Europäische Zentralbank ein. "Wettbewerbsfähigkeit erzielt man mit Reformen, nicht mit einer Geldschwemme".
Wenn Stoiber an einer Stelle überhaupt klotzte, dann, ohne ihren Namen zu nennen, gegen Angela Merkel. "Der Islam gehört zu Deutschland - diesen Satz mache ich mir auf keinen Fall zu eigen", rief er aus. Das gab riesigen Beifall. Und auch Horst Seehofer legte sich anschließend in einer eigentümlich lustlosen Rede mehr mit der Schwesterpartei in Berlin an als mit der Konkurrenz von SPD oder Grünen. Zur Forderung des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber nach einem Einwanderungsgesetz sagte er, dass es das nicht geben werde, "solange ich CSU-Vorsitzender bin".
Einziger, eher unfreiwillig komischer Höhepunkt seiner Rede war ein Loblied auf den eigenen Freistaat, der in dem Satz gipfelte: "Bayern ist die Vorstufe zum Himmel". Großes Gelächter, Gsuffa.
Bei der SPD ging es nicht minder gebremst zu. 3000 in Vilshofen - der Zelthimmel blauweiß geschmückt, auch dekorationstechnisch überlassen die Sozialdemokraten Bayern nicht der CSU, die in Passau blau-weiße Schals an alle Besucher verteilt hatte. Hauptredner Sigmar Gabriel, sonst kein Kind von Traurigkeit, bekannte gleich zu Beginn: "In diesem Jahr fällt mir die Rede hier schwerer als sonst". Was folgte, unterschied sich wenig von einer gewöhnlichen Parteitagsansprache.
Die große Koalition geriet an diesem Aschermittwoch zu keiner Zeit in Gefahr. Nur gegen die CSU hatte sich der Vizekanzler einige Spitzen ausgedacht. Zum Beispiel, dass Verkehrsminister Alexander Dobrindt den "Idiotentest" nur deshalb verschärfen wolle, damit nicht so viele seiner Freunde in politische Verantwortung kämen. Großes Gelächter, Gsuffa.Extra

Die rheinland-pfälzische SPD-Regierungschefin Malu Dreyer und CDU-Landeschefin Julia Klöckner haben sich beim Politischen Aschermittwoch ein Fernduell geliefert. Malu Dreyer betonte in Frankenthal, die SPD verbinde erfolgreich soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg. CDU-Bundesvize Klöckner kritisierte in Neustadt an der Weinstraße die rot-grüne Bildungspolitik. "Wann macht Ministerpräsidentin Malu Dreyer Unterrichtsausfälle endlich zur Chefsache?" Lehrer würden mit Kettenverträgen als billige Arbeitskräfte missbraucht. Dreyer und Klöckner wollen beide bei der Landtagswahl im Frühling 2016 nach der Macht greifen. dpaExtra

Der Politiker auf der Bühne legt richtig los. Er meckert über andere Parteien und fuchtelt dabei mit den Armen. Solche Auftritte konnte man am Mittwoch an vielen Orten in Deutschland sehen: Es war nämlich politischer Aschermittwoch. An diesem Tag sagen sich Politiker mal so richtig die Meinung. Die Sache mit dem Meckern am Aschermittwoch hat eine lange Tradition. Der Brauch soll in einem Ort in Bayern entstanden sein. Dort trafen sich vor langer Zeit Menschen auf einem Tiermarkt. Sie handelten miteinander und unterhielten sich über alles Mögliche. Später meckerten dort die Leute auch mächtig über die Politik. dpa

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